FemFriday mit Ursula Strauss

Am heutigen FemFriday bin ich besonders aufgeregt, da ich eine Schauspielerin vorstellen darf, die ich besonders verehre. Heute im #femfrday-Interview Ursula Strauss.

Ursula Strauss studierte Schauspiel am Wiener Volkstheater. Bereits während ihrer Ausbildung wird sie an mehreren Theatern in Deutschland und Österreich verpflichtet. Ihren Durchbruch, mit dem sie Berühmtheit im deutschsprachigen Raum erlangte und internationale Aufmerksamkeit erregte, gelang ihr mit den Kinofilmen ‚Böse Zellen’ von Barbara Albert und dem für den Oscar nominierten ‚Revanche’ von Götz Spielmann. Sie verfeinerte genreübergreifend und nachhaltig ihr Spiel, das vielfach ausgezeichnet und gewürdigt wurde, unter anderem vier Mal mit der Romy als beste Schauspielerin, zwei Mal mit dem Preis der Diagonale, dem Österreichischen Filmpreis, nominiert für den Deutschen Schauspielerpreis und als beliebteste Schauspielerin des Golden Rooster Festivals in China. Zum Publikumsliebling wird Ursula Strauss durch ihre Hauptrolle in dem Fernseh-Hit ’Schnell ermittelt’. Die Schauspielerin weiß um das Menschliche, die Verletzbarkeit und das Zerbrechliche eines Wesens. Ursula Strauss’ Einfühlungsvermögen in menschliches Verhalten zeigt sich in den außergewöhnlichen Darstellungen ihrer Rollen. Ihre ganzheitliche und unvoreingenommene Herangehensweise, mit der sie die unterschiedlichsten menschlichen Charaktere im Film zum Leben erweckt, zeugt von einer überdurchschnittlichen Intuition für das Wesen der Figuren und macht sie zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum.Regisseure, die den gegenwärtigen Film prägen und mitgestalten wie Barbara Albert, David Schalko, Götz Spielmann, Nikolaus Leytner, Nils Willbrandt und Wolfgang Murnberger engagieren sie immer wieder für ihre anspruchsvollen Film- und Fernsehproduktionen wie ‚Altes Geld’, ‚Aufschneider’, ‚Die Stille danach’, ‚Oktober, November’, ‚Mörderisches Tal – Pregau’ und ‚Vielleicht in einem anderen Leben’. Ursula Strauss kuratiert sehr erfolgreich ihr eigenes Festival ‘Wachau in Echtzeit’. Sie ist die Präsidentin der Akademie des Österreichischen Films. Ursula Strauss‘ zweites Buch ‚Warum ich nicht mehr fliegen kann und wie ich gegen Zwerge kämpfte‘ ist derzeit im Buchhandel erhältlich.

Wie kamst Du zu deinem heutigen Beruf? 

Ich wollte eigentlich seit ich denken kann Schauspielerin werden. Während meiner Pubertät habe ich diesen Wunsch dann ganz tief in mir vergraben und als Schwachsinn abgetan. Als ich dann siebzehn wurde sprach es plötzlich aus mir heraus und auf die Frage meines damaligen Freundes: „Was ich denn werden wollte, wenn doch keine Kleinkindpädagogin?“, antwortete ich plötzlich: „Schauspielerin“. Dann nahm alles seinen Lauf und als ich zwei Jahre später die Aufnahmsprüfung geschafft habe, war ich der glücklichste Mensch und bin es heute noch.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut? 

Da gibt so viele Momente, und ich bin immer wieder dankbar wenn ich an die Jahre zurückdenke, die ich erleben durfte. Aber ein Highlight war sicher die Oscar-Verleihung in Los Angeles als wir mit dem Film ‚ evanche‘ von Götz Spielmann für den besten ausländischen Film nominiert waren.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht in der Filmbranche was die Geschlechterbesetzung angeht? 

Ich muss sagen, dass ich sehr viel Glück hatte und immer mit Leuten und unter Bedingungen arbeiten durfte, die kein Ungleichgewicht vermuten lassen. Tatsächlich ist es aber so, dass Frauen sehr oft weniger verdienen und härter um ihren Platz kämpfen müssen. 

Was macht für dich Fempowerment heute aus? 

Zusammenhalt ist es vor allem. Zusammenhalt und Mut.
Es gibt in unserer Branche einen harten Konkurrenzkampf, und da gibt es gerade unter den weiblichen Kolleginnen mitunter auch gewisse Probleme. Unser Beruf ist aber ein Beruf des Miteinanders und nicht des Gegeneinander. Und das Miteinander erfordert mitunter auch Mut.
Mut für andere zu sprechen, wenn sie selbst noch nicht aus einer starken Position heraus agieren können. Den Mut zur Haltung und das Wissen darüber das es ein Privileg ist so einen Beruf ausüben zu dürfen

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

In keinem Moment. Ich bin sehr gerne ich und eine Frau.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

Dass mehr Frauen die Möglichkeit haben, in diesem hart umkämpften Markt zu arbeiten – und zwar vor allem hinter der Kamera und in wichtigen Positionen als Entscheidungsträger*innen in der Filmpolitik.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert? 

Weiterkämpfen, weiterreden, weitereinfordern, weiter anstrengend sein und uns gegenseitig bei diesem Prozess unterstützen.
Konsequent und immer wieder den Mund aufmachen.

Was würdest Du jungen Kolleginnen raten?

Ich denke der Beruf fordert Haltung ein und Leidenschaft.
Wenn man bei sich bleibt und trotzdem offen durch die Welt geht, sind das schon gute Vorraussetzungen. 

Beschreibe Dich in drei Worten.

Gibt es das, eine Art Wortdestillat eines Menschen?

Was liest Du derzeit?
Jetzt gerade lese ich ein Drehbuch und begleitende Literatur dafür.
Das sind vor allem Bücher über Migration und Liebe unter anderem „Lob der Liebe“ von Alain Badiou und „Warum Liebe weh tut“ von Eva lIIouz.
Ich hoffe, das Ergebnis kann man nächstes Jahr dann im Kino sehen.

Gibt es ein Zitat oder Motto, dass Du gern benutzt? Wenn ja welches? 

Wir überqueren die Brücke, wenn wir sie erreichen.

Hast Du eine Lieblingsrolle? Aus der Vergangenheit oder eine, die Du gern mal spielen würdest?

Grundsätzlich sind mir die meisten Figuren liebe Freunde gewesen. Manche sind es noch. Aber Maria Stuart würde ich wirklich sehr gerne spielen.

Irina Gavrich

Foto: Irina Gavrich
Quelle: PR-Agentur Jozo Juric

Werbeanzeigen

FemFriday mit Silvia Follmann

Endlich gehts mit dem #femfriday weiter. Heute darf ich Euch die Autorin von A SINGLE WOMAN, Silvia Follmann vorstellen.

Silvia Follmann. geboren 1986 in Freiburg, studierte Germanistik und Literaturwissenschaften in Bonn und Berlin. Sie ist derzeit Redaktionsleiterin beim Online-Magazin EDITION F und hat zuvor als freie Autorin für verschiedene Magazine, unter anderem für das Missy Magazin, geschrieben.
Im März erschien ihr erstes Buch A Single Woman im Goldmann Verlag.

Frauen können heute vieles, aber eines sicher nicht: ungestört Single sein. Denn noch immer ist die Paarbeziehung für viele das ultimative Lebensziel: Man findet sich, heiratet, bekommt 1,6 Kinder. Happy End, fertig. Das Single-Dasein wird dabei als bedauernswerter Zustand definiert, besonders die Single-Frau als traurig, ungeliebt und wertlos eingestuft. Dieses Klischee gehört endgültig abgeschafft, übt es doch permanent Druck aus und vermittelt unzähligen Mädchen und Frauen das Gefühl, falsch zu sein. Wir brauchen neue, vielfältige Konzepte von Liebe, Glück und Zufriedenheit: Denn Single zu sein ist genauso gut, wie nicht Single zu sein. Ist genauso richtig und falsch, genauso lebenswert. Es ist Zeit für das eigene gute und verrückte Leben!

Wie kamst Du zum Beruf Autorin?

Schreiben war schon immer eine Leidenschaft von mir. Ich habe dann also fast unvermeidbar Germanistik und Literaturwissenschaften studiert, wurde später Journalistin und vor zwei Jahren kam schließlich die Idee zum Buch auf.  Das war allerdings noch einmal eine ganz neue Schreiberfahrung und Herausforderung, das hat mit meinem Alltag als Redaktionsleiterin wenig zu tun. Aber Herausforderungen machen ja Spaß!

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Eigentlich sind das vor allem die Anfänge, die sind schließlich immer aufregend. Und ich muss oft an all die Menschen, besonders Frauen, denken, die mich auf meinem Weg immer unterstützt haben. Das versuche ich jetzt zurück zu geben, wann immer ich kann. Und natürlich die Erfahrung, das Online-Magazin EDITION F von den ersten Schritten an zu begleiten und mitzugestalten.

Hast Du in deiner Branche ein Vorbild und wenn ja, wer ist das?

Es gibt so viele großartige Journalistinnen und Autorinnen, aber um wenigstens zwei zu nennen: Die Journalistin Mely Kiyak, wegen ihrer großartigen Kolumnen für Zeit Online und Sibylle Berg, die einfach sehr furchtlos schreibt.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?

Solidarität und der Blick über die eigene Bubble hinaus.  Wenn wir die Hälfte der Macht wollen, dann geht das nur mit allen zusammen.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

In keinem.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…

… dass mehr Frauen in die Jobs kommen, die jetzt komplett vom Boys Club besetzt sind. Wir brauchen aber nicht nur eine Frauen, sondern eine Diversitätsquote. Je diverser Teams sind, umso besser sind die Ergebnisse.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Ich glaube nicht, dass es an der Wahrnehmung von Frauen liegt – aber ganz generell lässt sich nicht individuell lösen, dass keine Chancengleichheit herrscht, weil es ein strukturelles Problem ist. Aber wir können uns immer gegenseitig dabei unterstützen, sichtbar zu sein. Erzählt voneinander und empfehlt euch gegenseitig, das macht schon verdammt viel aus!

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben?

Vertrau dir selbst, vernetz dich, mach dich bemerkbar und hab keine Angst vor Fehlern. Die machen wir alle immer wieder, das ist kein Beinbruch.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Wie sollen da drei Worte reichen? 😉

Hast Du ein absolutes Lieblingsbuch, wenn ja, welches ist das?

Das sind zu viele – jedes Buch hat auch seine Zeit, vieles entdeckt man ja ganz neu, wenn man es nochmal liest. Andere wiederum kann man irgendwann gehen lassen.

Dein Lieblingszitat?

Ich habe kein Lieblingszitat, aber dieses hier mag ich auf jeden Fall sehr:

„Each time a woman stands up for herself, without knowing it possibly, without claiming it, she stands up for all women.” 

Maya Angelou

Was liest Du derzeit?

Auf dem Nachttisch liegen Giulia Becker Das Leben ist eines der härtesten und Anke Stellung Schäfchen im Trockenen – jetzt muss ich nur noch die Zeit finden, sie auch endlich zu lesen.

Foto: Jennifer Fey Photography

FemFriday Nora-Vanessa Wohlert

Am heutigen #femfriday gehts in die junge Gründerszene. Die Gründerin und Geschäftsführerin von Edition F Nora-Vanessa Wohlert hat meine Fragen beantwortet. Ich freue mich sehr den Frauenkreis hier mit einer weiteren spannenden und klugen Frau erweitern zu können.

Nora war so freundlich Euch allen einen 30 Euro RABATT auf die Female-Future-Force- DAY Tickets am 12. Oktober in Berlin zu geben.
Der Rabatt gilt auf die regulären Tickets. Der Code lautet Femfriday und ist hier einzulösen: http://femalefutureforceday.com/register/

Nora-Vanessa Wohlert ist Gründerin und Geschäftsführerin von Edition F, der Business-Lifestyleplattform für Frauen. Sie ist für die Bereiche Content, Community-Building und HR verantwortlich. Zuvor arbeitete sie über zwei Jahre als Redaktionsleiterin bei Gründerszene, zusammen mit ihrer Mitgründerin Susann Hoffmann. Davor begleitete sie den Aufbau eines Startups, schloss ein Redaktions-Volontariat bei der PR-Agentur fischerAppelt relations ab und arbeitete als Business Analyst bei Roland Berger.

Wie kamst Du zu deinem Beruf und wie würdest Du Dich bezeichnen?

Viele Zufälle kamen zu zusammen würde ich sagen. Ich hatte in jedem Fall ursprünglich nicht vor selbst einmal zu gründen. Meine Eltern sind nicht selbstständig und studiert habe ich Geisteswissenschaften. Dann kam meine Zeit als Redaktionsleiterin bei Gründerszene und ich hatte wahnsinnig viele Berührungspunkte mit Gründerinnen und Gründern und Business Modellen, außerdem arbeitete ich mit Susann zusammen, mit der ich dann auch EDITION F gegründet habe. Ich würde mich heute als Unternehmerin bezeichnen. 

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Ehrlich gesagt gibt es da viele die prägend waren. Ich erinnere mich gut an viele Momente als angestellte Person in denen ich dachte, denkt doch mal groß, anders oder lasst mich doch mal machen. Außerdem natürlich an den Sprung ins kalte Gründerinnenwasser und auch die schweren Tage, die damit auch zusammen hängen. 

Was macht für dich Fempowerment heute aus?

Offen auf andere zuzugehen und gemeinsam zu lernen, Männer nicht auszuschließen sondern mit zu involvieren. 

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?In keinem. 
Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…

kann sie mittelfristig auf alle Ebenen von Unternehmen Einfluss nehmen und Chancen für alle sichtbarer machen.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Selbstbewusst sein, sagen, was man kann und Dinge umsetzen, die man im Kopf hat. 

Empfindest Du in deinem Umfeld ein Ungleichgewicht an Frauen in Führungspositionen?

Eindeutig ja und dabei bin ich selbst in einer ziemlichen Blase voller Frauen, die gründen, Unternehmen führen und Chefinnen sind. Aber die Zahlen sprechen Bände. Es gibt wesentlich weniger Frauen die führen als Männer.

Was würdest Du anderen Gründerinnen mit auf den Weg geben?

  1. Sprich früh und immer wieder mit künftigen Kundinnen und Kunden über deine Idee
  2. Such dir im Team Leute, die Dinge besser können als du selbst
  3. Versuch mal ob du deine Idee auch ohne Geld von Investor*innen umsetzen kannst

Was würdest Du an der virtuellen Blase Instagram gern ändern?

Weniger Posing ohne Inhalte. Mehr Inhalte, die inspirieren.

Beschreibe Dich in drei Worten.

Mutig, vernetzt, groß denkend

Was liest Du derzeit?

„New work need inner work“ von Joana Breidenbach und Bettina Rollow, ein Buch für Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation.

Hast Du ein Lebensmotto? Wenn ja, wie lautet es?

Was würdest du tun, wenn du keine Angst hast? ganz nach Sheryl Sandberg.

Foto: Nora Tabel

FemFriday mit Leoni Schulz

Heute geht es am #femfriday mit einer Schauspielerin weiter. Leoni Schulz stammt wie ich aus Hessen und ist am Staatstheater Mainz engagiert. Vergangene Woche sah ich sie in einen Solo Abend über Anna Politkowskaja. Toll! Hier gehts zum Interview.

Leoni Schulz wurde 1982 in Frankfurt am Main geboren, mit vier Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Pakistan und mit 13 Jahren nach Simbabwe. Nach dem Abitur studierte sie Politologie an der Goethe Universität in Frankfurt am Main und schloss 2006 mit einem Diplom ab. Darauf folgte von 2007 bis 2011 das Schauspielstudium an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Während des Studiums spielte sie bereits in zwei Produktionen am Hans Otto Theater in Postdam („Die Geschichte vom Baum“, Regie: Aurelina Bücher und „Die Aeneis“, Regie: Sascha Hawemann). Nach dem Studium arbeitete sie freischaffend in Berlin und gastierte u.a. am Landestheater Schleswig-Holstein, an der Tafelhalle in Nürnberg, im Raum13 in Köln sowie an der Schaubühne Berlin, wo sie eine Rolle in Volker Löschs Inszenierung von „Draussen vor der Tür“ übernahm. In Katrin Gebbes „Tore tanzt“, der bei den Filmfestspielen in Cannes lief, übernahm sie eine Nebenrolle. 
Seit der Spielzeit 14/15 ist sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz und spielte hier u.a. Margarita in „Meister und Margarita“ (Regie: Jan-Christoph Gockel), Marwood in „Miss Sara Sampson“ (Regie: Markolf Naujoks), einen Solo Abend über Anna Politkowskaja (Regie: Kathrin Herm), war in verschiedenen Koproduktionen mit Luxemburg, London und tanzmainz zu sehen und spielt aktuell Brunhild in „Die Nibelungen“ sowie in „Ljod – das Eis – Trilogie“ (Regie: Jan-Christoph Gockel).

Wie kamst Du zum Beruf Schauspielerin?

Eigentlich bin ich zum Beruf Schauspielerin recht spät gekommen. Ich denke aber es war schon immer mein Ausdrucksmittel. Als Kind wurde ich in einer amerikanischen Schule eingeschult, da ich mit 4 Jahren mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder nach Peschawar in Pakistan gezogen bin. Meine Mutter erzählte mir, dass ich aufgrund der neuen Sprache drei Monate lang in der Schule gar nicht gesprochen hätte und dann bei einer Schulaufführung in perfektem Englisch die Rolle gespielt hätte. Da hat sich wohl zum ersten Mal eine starke Verbindung zu diesem Beruf gezeigt. Dass man Schauspiel tatsächlich studieren kann, habe ich spät erfahren. Ich habe neben meinem Studium der Politologie, als Statistin in der Oper und im Schauspiel in Frankfurt am Main gearbeitet und dort erzählten mir Kolleg*innen davon. Und dann habe ich mich auf die lange Vorsprechreise an den Schauspielschulen begeben.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Besonders gut erinnere ich mich an den Moment als ich eine Rolle in „Draussen vor der Tür“ an der Schaubühne bekam. Ich wurde Donnerstags von der Dramaturgie angerufen, Freitag Vormittag hatte ich mein Vorsprechen und Mittags, als ich grade zu Hause zur Tür reinkam, rief Volker Lösch mich an und fragte ob ich gleich wieder zurückkommen könne, er würde gerne mit mir arbeiten. Das war ein riesiges Erfolgserlebnis für mich und hat mir sehr viel Selbstbewusstsein für meinen Beruf gegeben.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?

Definitiv. Es ist ja im Moment – zurecht – ein riesen Thema. Neben dem offensichtlichen Ungleichgewicht in Leitungspositionen, z.B. Intendanz, Schauspieldirektion, Regie sowie auch in den technischen Berufen, wie Bühnentechnik und Beleuchtung – in diesen Bereichen sind immer noch Männer in der Mehrzahl – ist es auch im Schauspiel Thema. Ich hatte hier in Mainz die Möglichkeit mit vielen Regisseurinnen zu arbeiten, Brit Bartkowiak, Hannah Barker, Carole Lorang, Aslı Kışlal, Jana Vetten, Kathrin Herm und ich habe in zwei Stücken gespielt, die eine ausschließlich weibliche Besetzung hatten.
Das nehme ich als positive Entwicklung wahr aber leider ist es auch immer noch eine Ausnahme. Viele „klassische“ Rollen bleiben einem als Frau vorenthalten, weil es „Männerrollen“ sind. Ich setze „Männerrollen“ hier in Anführungsstriche, weil ich denke, dass diese Rollen nicht unbedingt geschlechterspezifisch besetzt werden müssten. Die Schauspielerin Jana Schulz ist da ein Riesenvorbild für mich: sie spielt Rollen wie Woyzeck oder Raskolnikow nicht als Frau oder als Mann oder als Frau die einen Mann spielt sondern einfach ihre Interpretation der Rolle. Davon wünsche ich mir mehr!

Sind Frauen die besseren Künstler*innen?
Das würde ich nicht sagen aber ich denke, dass Künstlerinnen immer noch unterschätzt werden und zu wenig Sichtbarkeit erfahren.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?
Laut sein, sich nicht zurückhalten, für sich selbst einstehen und vor allem sich vernetzen und gegenseitig fördern. Das machen Frauen im Beruf immer noch viel zu wenig. 

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?
Das Gagengefälle. Das betrifft sowohl die Gender Pay Gap als auch die Intransparenz der Gagen in den künstlerischen Berufen. Da gibt es außer den Anfängergagen keine klaren Richtwerte als Verhandlungsbasis.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
In Gehaltsverhandlungen und wenn ich in einem beliebigen Kostüm durch die Gänge gehe und ich mir mindestens 10 Bemerkungen anhören muss ob ich jetzt in diesem Kostüm attraktiv aussehe oder nicht – denn, was kann es für eine Frau wichtigeres geben?!

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

Dann, dass Frauen sichtbarer werden, vor allem in Berufen, die immer noch als „Männerdomäne“ gelten und damit zu greifbaren Vorbildern für junge Frauen (und Männer) werden. 

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Ich denke, wir sollten vor allem aufpassen, dass wir uns nicht an den patriarchalen Strukturen beteiligen. Das passiert immer wieder, weil wir ja alle mehr oder weniger so sozialisiert wurden. Das betrifft vor allem die den patriarchalen Strukturen inhärente Idee, dass es weniger Stellen für Frauen am Arbeitsplatz gibt und ich deshalb als Frau alle anderen Frauen als Konkurrentinnen wahrnehme und sie „bekämpfe“. Da dürfen wir nicht mehr mitmachen. Ich denke das könnte viel bewirken.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Kämpferisch, sensibel, aufgeschlossen

Was liest Du derzeit?

Gerade beendet habe ich „Untenrum Frei“ von Margarete Stokowski und „Wahnsinn“ von Kalin Terziyski und momentan lese ich „Alte Weisse Männer – ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann. Als nächstes kommt wahrscheinlich „Tanz mit dem Schafsmann“ von Haruki Murakami dran.

Hast Du ein Lieblingszitat? Wenn ja welches ist das?
Hatte ich eigentlich noch nie aber Margarete Stokowski zitiert in „Untenrum Frei“ Mascha Kaléko mit „Lieber noch mit dornzerkratzten Händen/ als mit manikürter Seele enden!“ Das ist mir irgendwie im Kopf geblieben.

Mehr Infos über Leoni findet ihr auf ihrer Homepage oder am Staatstheater Mainz.

Fotos: dedaproductions

FemFriday mit Gunda Windmüller

Heute stelle ich euch die Autorin und Journalistin Gunda Windmüller vor.

Gunda Windmüller, geboren 1980, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Als freie Journalistin schrieb sie u.a. für Welt und ze.tt.
Seit Anfang 2018 ist sie Redakteurin beim Newsportal watson.
Gunda kommt aus Köln, hat in England studiert, am Theater gearbeitet und dann über Seemänner und Inseln im englischen Drama des 18. Jahrhundert promoviert.
Mit Umwegen also zum Journalismus, aber trotzdem irgendwie mit Zug auf’s Tor. Auch als FC-Fan. Für „Huffington Post“, „Harper’s Bazaar“, „Welt“ und ze.tt geschrieben. Bei watson kümmert sich Gunda thematisch um Debatten, Gender, Sex, Beziehungen und alles, was man Liebe nennen könnte.
Im März diesen Jahres erschien ihr Buch:

Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht – Eine Streitschrift

Über die Kunst, glücklich single zu sein – ein Debattenbuch mit hohem Identifikationspotential. Gunda Windmüller plädiert leidenschaftlich dafür, unser Bild von der bemitleidenswerten Singlefrau zu überdenken. Und sie macht Mut: Denn das Leben allein kann verdammt gut sein. Leider nimmt das den meisten Frauen ohne festen Partner nach wie vor kaum einer ab. «Was macht die Liebe? Hast du schon mal Online-Dating probiert?» Das ist gut gemeint, es schwingt aber immer mit: Was stimmt nicht mit dir? Die wichtigere Frage lautet jedoch: Was stimmt nicht mit einer Gesellschaft, in der allen Scheidungsstatistiken zum Trotz die dauerhafte Paarbeziehung nach wie vor als Nonplusultra gilt?

Wie kamst Du zum Beruf Schriftstellerin?

Wie das oft so ist: Ich wollte schon immer schreiben. Ich bin also Journalistin geworden, aber Bücher zu schreiben war nach wie vor mein Traum. Vor knapp zwei Jahren habe ich dann eine ganz konkrete Idee für ein Sachbuch entwickelt, eine Agentur hat mich aufgenommen und kurze Zeit später hatte ich auch einen Verlagsvertrag.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

In einem Abschlußgespräch bei einem ehemaligen Arbeitgeber sagte meine Mentorin zu mir: „Frau Windmüller, sie müssen ‚hier‘ schreien, wenn Sie etwas wollen. Sie glauben doch wohl nicht, dass einer der Kerle, die hier auf den Chefsesseln sitzen, da wären, wenn sie nicht ‚hier‘ geschrien hätten.“ Weise Frau.

Hast Du in deiner Branche ein Vorbild und wenn ja, wer ist das?

Karrieretchnisch habe ich kein konkretes Vorbild. Aber wenn es ans Schreiben geht, dann ist das die britische Journalistin und Autorin Caitlin Moran. Sie ist die lustigste Frau der Welt. Und obendrein sehr warmherzig und schlau. Ich lese alles von ihr.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?

Ein Stichwort: Solidarität. 

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

Ich möchte nie ein Mann sein. Was ich aber gerne hätte: Ein dickeres Fell.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

…ist damit ein kleiner Schritt in die richtige Richtung getan.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Mehr darüber sprechen, in welchen Kontexten und Situationen sich Diskriminierung verbirgt und unser Umfeld immer wieder darauf aufmerksam machen.

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben? 

Nur Mut. Suche Dir Verbündete. Bilde Banden. Frag nach. Immer.

Beschreibe Dich in drei Worten.

Nett, schlau, getrieben.

Hast Du ein absolutes Lieblingsbuch, wenn ja, welches ist das?

Nein, habe ich nicht. Aber das letzte Buch, das ich sehr gern gelesen habe ist „The Vagabond“ von Colette.

Dein Lieblingszitat?

„You can’t be, what you can’t see.“

Was liest Du derzeit?

„Das Ende“ von Attila Bartis

Beitragsbild: Astrid Kasimir
Quelle: Rowohlt Verlag

FemFriday mit Sophie Oldenstein

Am heutigen FemFriday stelle ich Euch meine ehemalige Kollegin und Freundin Sophie Oldenstein vor.

Sophie ist Dramaturgin und darin ein ganz wichtiger Teil unserer gemeinsamen Arbeit z.B. in Eisenach gewesen.
Was Sophie über Fempowerment denkt, wie sie Dramaturgin wurde und was sie über die Frauenquote denkt, erfahrt ihr hier.

Sophie Oldenstein (*1988) schloss 2012 ihr Studium der Theaterwissenschaft, Filmwissenschaft und evangelische Theologie in Mainz mit Auszeichnung ab. Parallel dazu hospitierte und assistierte sie an verschiedenen Theatern in Frankfurt, Wiesbaden und Köln und betreute erste eigene Produktionen als Dramaturgin.

Ihre ersten festen Engagements führten sie als Regieassistentin ans Nordharzer Städtebundtheater und das Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Von 2014 bis 2017 war sie Dramaturgin und Theaterpädagogin am Landestheater Eisenach engagiert, wo sie die Eisenacher Bürgerbühne gründete und zahlreiche Produktionen mit generationenübergreifenden Ensembles realisierte. Im Anschluss daran leitete sie am Theater Ansbach die dramaturgische Abteilung und ist dort außerdem Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 wechselt sie als Dramaturgin für Schauspiel und Puppentheater an die Theater&Philharmonie Thüringen in Gera und Altenburg.

Im Rahmen ihrer Dissertation über Zauberkunst und die Konstitution der Moderne, die sie 2018 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingereicht hat, verbrachte sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes Forschungsaufenthalte in Wien und Washington D.C. Von 2008 bis 2013 war sie Mitarbeiterin bei „FILMZ – Festival des deutschen Kinos“ in Mainz und gehörte 2011 dessen künstlerischer Gesamtleitung an. Während ihres Studiums arbeitete sie fünf Jahre als freie Mitarbeiterin für die Tageszeitung „Rüsselsheimer Echo“ und leitete drei Jahre lang die Theatergruppen der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Mainz.

Wie kamst Du zum Beruf Dramaturgin?

Ich wollte schon sehr früh ans Theater. Ursprünglich wollte ich Regisseurin werden. Allerdings haben mir schon bald viele Menschen, die mich und die Arbeit am Theater kannten, gesagt, ich sei eine Dramaturgin. Das wollte ich damals alles nicht hören, weil ich dachte, das sei sehr weit weg vom eigentlichen künstlerischen Schaffensprozess und allgemein eher tröge. Als ich dann in meinem ersten Engagement als Dramaturgin gelandet bin, habe ich schnell festgestellt, dass die anderen alle Recht hatten und der Job wie für mich gemacht ist. Inzwischen weiß ich das vielfältige Aufgabengebiet dramaturgischer Arbeit und den Überblick über die Gesamtheit eines Hauses, den man in dieser Position gewinnt, sehr zu schätzen und kann mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Während meiner ersten Hospitanz kurz nach dem Abitur sagte der Regisseur der Produktion zu mir: „Sophie, überleg es Dir gut, am Theater wird man nicht reich.“ Und ich erwiderte voller jugendlichem Idealismus: „Ja, aber deswegen macht man das doch nicht.“ Daraufhin entgegnete er: „Ja, aber am Theater wird man auch nicht berühmt“. Ich kann also nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?

Natürlich. Der Großteil der Intendanten und Regisseure sind nach wie vor Männer, die meisten Ensembles bestehen aus mehr Schauspielern als Schauspielerinnen und es werden wesentlich häufiger Texte von männlichen Autoren als von ihren weiblichen Kolleginnen gespielt.

Sind Frauen die besseren Dramaturgen?

Da stellt sich doch direkt die Frage, was genau ein guter Dramaturg überhaupt sein soll. Grundsätzlich gehört für mich zu dem Job in jedem Fall viel Empathie, eine gute Beobachtungsgabe und der Wille, sich ganz in den Dienst der Sache zu stellen. Und Männer sind für diese Eigenschaften ja hinlänglich bekannt.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?

Es stößt den wirklich wichtigen gesellschaftlichen Diskurs über Genderequality neu an. Es wird Zeit, dass wir darüber wirklich diskutieren, anstatt die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass die Gleichberechtigung schon lange erreicht sei.

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?

Faire Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten für alle Mitarbeiter – von den Künstlern über die technischen Gewerken bis hin zur Verwaltung.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

Jedes Mal, wenn mich irgendein Selbstzweifel anficht. Ich denke, Männer stellen sich selbst viel weniger infrage als Frauen.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…
bitte beende diesen Satz

Ökonomische Gleichberechtigung. Gendersternchen hin oder her – Es geht bei der Gleichstellung doch im Endeffekt um knallharte wirtschaftliche Fragen. Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Frauen immer noch so bezahlt und beschäftigt werden, als würden sie nur zum Spaß arbeiten, weil die wirtschaftlich relevantere Karriere ihres Ehemanns sowieso das Familieneinkommen absichert.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Wir müssen mehr für uns einfordern. Egal, ob es um ein spannendes Projekt, eine Gagenerhöhung oder Anerkennung für die eigenen Leistungen geht – man muss Lärm machen, um gehört und gesehen zu werden, und darf nicht darauf warten, dass endlich mal jemand bemerkt, was man kann und erreicht hat. Und wir sollten mehr auf unsere eigenen Karrieretipps hören – das gilt zumindest für mich.

Foto: Jim Albright

Beschreibe Dich in drei Worten:

Und weiter geht’s!

Was liest Du derzeit

„Serotonin“ von Michel Houellebecq. Wer sonst könnte abnehmende männliche Libido mit dem Niedergang der französischen Landwirtschaft in einem Roman zusammenbringen?

Hast Du ein Lieblingszitat, aus einem Stück, oder eins, dass Dich schon länger begleitet und wenn ja welches ist das?

„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten“ aus Lessings „Nathan der Weise“. Im Stückkontext ist damit gemeint, dass wir uns von bestimmten Dingen, wie etwa unserer Sozialisation, nicht frei machen können, egal, wie viele dumme Sprüche wir darüber machen. Es ist aber sehr vielfältig einsetzbar. Ich zitiere es besonders gerne, wenn jemand ausgiebig jammert und sich beklagt, aber keinerlei Anstalten macht, etwas an der Situation zu ändern. Das begegnet einem als Dramaturgin häufiger.

Beitragsbild: Sabine Röße

FemFriday mit Ingrid Noll

Im heutigen #femfriday-Interview stelle ich Euch die Schriftstellerin Ingrid Noll vor.
Wie sie schon vor vielen Jahren selbstbestimmt und ganz im Sinne der Emanzipation als Mutter und Ehefrau noch spät zum Schreiben kam, was sie über Fempowerment denkt und was sie derzeit liest.

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren. 1949 flüchtete sie mit der Familie nach Deutschland. 1954 machte sie Abitur um anschließend Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn zu studieren. 1959 folgte die Heirat, und die Geburten der drei Kinder. Jahrelang arbeitete sie in der Arztpraxis ihres Mannes.
Die erste Anfänge als Autorin waren Kindergeschichten.
1991 erschien Ingrid Nolls erster Krimi Der Hahn ist tot, inzwischen sind es fünfzehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten.
Ingrid Noll lebt mit ihrem Mann in Weinheim an der Bergstraße.

Wie kamen Sie zum Beruf Schriftstellerin?

Schon als Schülerin konnte ich mit einer Eins im Aufsatz die Fünf in Mathe ausgleichen und wusste, dass Schreiben für mich die Rettung bedeutet. Aber ich wagte lange nicht, von einem Beruf als Schriftstellerin zu träumen. Erst als unsere Kinder aus dem Haus waren und ich endlich ein eigenes Zimmer bekam, fand ich  Zeit für kreative Experimente. Mein Mann war Arzt und ich habe 20 Jahre lang in seiner Praxis mitgeholfen, eher aus Pflichtgefühl denn aus Neigung.

An welchen Moment in ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders gut?

Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als ich meinen ersten Roman gedruckt und in Leinen gebunden in den Händen hielt. Fast vergleichbar mit der Freude über die Geburt des ersten Kindes.

Was inspiriert Sie?

Da ich erst mit 55 Jahren mit dem professionellen Schreiben begann, konnte ich auf einen soliden Fundus an Lebenserfahrung und Menschenkenntnis zurückgreifen. Im Übrigen inspirieren mich das tägliche Leben, die Beobachtung der Umwelt und der nachwachsenden Generationen, vor allem auch die eigenen Enkelkinder. Wenn ich gerade mitten in einer fiktiven Geschichte stecke, bin ich zudem wie ein Schwamm, der alles um sich herum aufsaugt.

Empfinden Sie ein Ungleichgewicht in der Literaturszene, was die Geschlechterbesetzung angeht?

Von der Krimiszene kann ich das eigentlich nicht sagen. Die Rollen sind allerdings ein wenig verteilt: brutale Stories meiner männlichen Kollegen werden wahrscheinlich lieber von Männern gelesen, die eher psychologischen und weniger bluttriefenden (wie meine Bücher) eher von Frauen.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Fempowerment heute?

Eine wichtige Initiative zur Stärkung der Frauenrechte.

In welchen Momenten ihres Jobs, wären Sie lieber ein Mann?

Überhaupt noch nie. 

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beenden Sie diesen Satz!

Dann wird hoffentlich bewiesen, dass Frauen ihren Job hervorragend meistern können und die Quote gar nicht nötig war.


Sie sind Mutter von drei Kindern. Was haben Sie ihnen für ihre Berufswahl mit auf den Weg gegeben?

Auf keinen Fall aus rein materiellen Gründen einen Beruf wählen, der für lebenslange Langweile sorgt.

Wie lief es bei Ihnen mit der Vereinbarkeit von Familie und ihrem Beruf als Schriftstellerin?

Das klappte bei mir ja erst, als die Kinder selbständig waren. Aber auch jetzt, wo es um die Großfamilie mit vier Enkelkindern geht, muss ich mich irgendwie organisieren, damit weder ich noch die mir so wichtigen Beziehungen zu kurz kommen. 

Beschreiben Sie sich in drei Worten…

Alt, pragmatisch und immer noch neugierig.

Wie wichtig ist für Sie Humor beim Schreiben?

Humor ist nicht nur fürs Schreiben lebensnotwendig, sonst würde ich verzweifeln.

Was lesen Sie zu Zeit?

Daniela Krien: „Die Liebe im Ernstfall“

Fotos: Diogenes Verlag

FemFriday mit Anna Skryleva

Im heutigen #femfriday-Interview stelle ich Euch die Dirigentin Anna Skryleva vor. Leider sind Dirigentinnen noch immer eine Seltenheit. Anna arbeitet aber daran, dass sich das ändert. Hier ein Porträt über eine sehr spannende Frau.

Anna Skryleva wurde in ihrer Heimatstadt  Moskau am Tschaikowsky-Konservatorium als Pianistin ausgebildet. 1999 kam sie nach Berlin um ihr Klavierstudium an der Universität der Künste bei Prof. Klaus Hellwig fortzusetzen. Später nahm sie Dirigierunterricht bei Prof. Lutz Herbig in Düsseldorf und ist seitdem als Opern- wie auch Konzertdirigentin gleichermaßen aktiv.

Im November 2015 wurde Anna Skryleva als eine von sechs Dirigentinnen weltweit, für die Teilnahme am Mentorenprogramm des Institute for Women Conductors an der Dallas Opera ausgewählt und daraufhin in der Spielzeit 2016/2017 als Gast an der Dallas Opera engagiert. Ab August 2019 ist Anna Skryleva die Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg.

Zwischen 2007 und 2015 wurde sie als Assistentin und Kapellmeisterin an führenden Opernhäusern Deutschlands engagiert: u.a. Oper Köln, Staatsoper Hamburg, Staatstheater Darmstadt. Im Juni 2015 gastierte Anna Skryleva mit der Darmstädter Produktion von Madame Butterfly am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. In der Spielzeit 2019/2020 übernimmt sie an der Königlichen Oper Stockholm die musikalische Leitung der Produktionen von Die Zauberflöte und Der Nussknacker.

Seit der Spielzeit 2015/2016 widmete sich Anna Skryleva insbesondere dem Konzertbereich. Sie gastierte u.a. bei der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz, beim Philharmonischen Orchester OFUNAM und dem Jugendorchester Eduardo Mata in Mexiko, der Norddeutsche Philharmonie Rostock, beim Bodenseefestival,  beim hr-Sinfonieorchester, dem Aarhus Sinfonieorchester und der Kopenhagener Philharmonikern in Dänemark sowie bei der Magdeburgischen Philharmonie.

Foto: Thomas Leidig

Wie kamst Du zum Beruf Dirigentin?
Dirigieren ist ein sonderbarer Beruf: es ist nie zu früh und nie zu spät damit anzufangen. Einige wissen schon seit klein auf, dass sie Dirigent/in werden möchten und beginnen ihr Studium schon mit 17-18 an einer Musikhochschule. Bei mir war es tatsächlich anders. Als kleines Kind war es zwar mein größter Wunsch, auf der Bühne zu stehen und Musik machen. Nur habe ich erstmal Klavier gespielt und komponiert. Dann wurde ich in meiner Heimatstadt Moskau als Solopianistin ausgebildet und bin 1999 nach Deutschland gekommen, um mich als Pianistin fortzubilden.
Das Leben entscheidet manchmal einfach für dich.
2002 habe ich eine Dirigentin kennengelernt, Alicja Mounk und wurde zu ihrer Assistentin an der Hochschule für Musik in Karlsruhe.
Alicja hat mich gefragt, ob ich nicht Dirigieren studieren möchte.
Ich fand dieses Angebot erstmal sehr spannend, ohne es ernst zu nehmen. Nun hat mich dieser Prozess, mit vielen Menschen Musik zu machen und vor allem an einem künstlerischen Ziel gemeinsam zu arbeiten, so fasziniert, dass es mir sehr schnell klar wurde – das ist meine Welt!
Da ich sehr gut Klavier spielen konnte, vor allem alles vom Blatt spielen konnte, war es für mich einfach einen Job als Repetitorin an verschiedenen Opernhäusern zu bekommen. Und so war ich schon im Beruf, konnte viel Repertoire lernen, mit anderen Dirigenten und vor allem Dirigentinnen arbeiten (Simone Young, Julia Jones, Karen Kamensek), viele Erfahrungen hinter der Bühne und später sogar im Orchestergraben sammeln. Parallel dazu habe ich Dirigierunterricht beim Professor Lutz Herbig in Düsseldorf genommen.
Jetzt, wo ich international mit verschiedenen Orchestern arbeite und meine erste Spielzeit als Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg vorbereite, verstehe ich, dass es für mich der richtige Weg war. Weil Dirigieren eine Symbiose aus deiner menschlichen und musikalischen Erfahrungen ist.

Foto: Nils Böhme

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?
Es gibt tatsächlich Momente, die dich dein ganzes Leben prägen. Einer davon ist, wie ich oben erzählt habe, meine Begegnung mit Alicja Mounk. Dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert. Es gibt auch andere wichtige Momente: da ich zum Dirigieren durch „Zufall“ kam, war ich am Anfang selber skeptisch, ob Frauen diesen Beruf gut ausüben können. Damals gab es noch nicht so viele Dirigentinnen. Im Gegensatz zum heute, wo so viele hochbegabte junge Dirigentinnen international unterwegs sind! Ich war in einer Vorstellung von Wagners Fliegender Holländer an der Staatsoper Berlin, die Simone Young dirigiert hat.
Noch heute kann ich mich sehr gut an diese Vorstellung erinnern. Es war musikalisch in einem Atemzug. Dazu konnte ich ab und zu Simone Young über dem Orchestergraben sehen, wie sie das Orchester beherrschte und manchmal selber wie ein Sturm über die Musiker aufzog.
Von da an wusste ich, dass Frauen ganz tolle Dirigentinnen sein können und ich habe mir damals ganz fest gewünscht, diese Frau irgendwann kennenzulernen.
Einige Jahre später war ich Assistentin bei Simone Young an der Hamburgischen Staatsoper, bei solchen Produktionen wie Der Ring des Nibelungen, Arabella, Parsifal und vielen anderen.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?
Ehrlich gesagt, habe ich darüber nie nachgedacht. Dieser Begriff klingt für mich sogar etwas aufgesetzt und aggressiv. Vor allem, wenn er mit „Macht“ und „Herrschaft“ interpretiert wird.
Ich denke, viel wichtiger ist es, natürlich und gelassen zu bleiben. Voraussetzung dafür ist dein Handwerk zu beherrschen und genau wissen, was und wo dein Ziel ist und wie du dahin kommst.
Flexibilität ist auch ein wichtiger Begleiter auf dem Weg zum Ziel.
Heute haben Frauen viel mehr Möglichkeiten. Es ist aber noch nicht in allen Ländern selbstverständlich, dass Frauen genau so wie Männer behandelt werden. Es hängt leider meistens von dem sozialen Niveau einer Gesellschaft ab.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
Bis heute war ich nie mit dieser Frage konfrontiert. Und ich geniesse es jeden Moment und in jeder Situation eine Frau zu sein. Auch wenn ich vom Orchester stehe, versuche ich nie einen Mann zu spielen.

Foto: Nils Böhme

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!
Diesen Satz kann ich nicht beenden, weil ich mit dem Thema „Frauenquote“ gespaltene Gefühle habe. Einerseits ist es gut, dass man auf der politischen Ebene darüber denkt, den Frauenanteil zu erhöhen. Anderseits müssen wir Frauen noch mehr beweisen, dass wir uns die Positionen erst durch unsere Leistung und nicht durch eine Quote verdient haben.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?
Vernetzung ist ein wichtiger Begriff. Wir Frauen müssen verstehen, dass wir uns gegenseitig unterstützen und austauschen müssen.

Du bist Mutter einer Tochter. Wie lief das mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den vergangenen Jahren bei euch?
Mein Glück ist, dass ich einen richtigen Partner kennengelernt habe, der volles Verständnis für meinen Beruf hat.
Mein Mann ist selber Opernsänger und weiß, wie viel Zeit und Hingabe dieser Beruf fordert.
Als unsere Tochter klein war, mussten wir im Voraus immer gut organisieren, dass eine Kinderfrau sich um sie kümmert.
Es ist nie die richtige Zeit, Kinder zu haben, wenn man beruflich erfolgreich sein möchte. Nun muss man die Entscheidung treffen und durch Selbstdisziplin kann man alles hinbekommen.

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben?
Ganz wichtig ist es, sich selbst im Klaren zu sein, dass dies dein Weg ist. Denn es sind nicht nur „goldene Treppen mit Rosen“, die dich begleiten. Man muss auch für Rückschläge gerade stehen und daraus seinen Vorteil ziehen. Wach bleiben und viel analysieren, was bedeutet, aus den Fehlern der anderen zu lernen.
Immer wissen, dass wir mit Menschen arbeiten. Heute bist du der Boss und morgen kann dein Assistent dein Arbeitgeber werden!

Beschreibe Dich in drei Worten.
Das sollen meine Kollegen oder meine Familie tun…

Hast Du Lebensmotto, wenn ja, wie lautet es?
Deine Welt ist dein Spiegel. Das, was du ausstrahlst, wird in jedem Fall auf dich zurück kommen.

Foto: Nils Böhme

Was liest Du derzeit?
Bin jetzt mit Dostojewskis „Das Gut Stepantschikowo“ beschäftigt. Ich lese aber oft deutsche Literatur. Ich versuche immer, nach einem russischen Buch ein deutsches zu lesen und umgekehrt.

Wer mehr über Anna erfahren möchte, besucht ihre Homepage und findet sie auf Facebook.

Foto: Thomas Leidig

Fotos: Nils Böhme, Thomas Leidig

FemFriday mit Marie Bues

Heute geht es im #femfriday weiter mit einer spannenden Theaterfrau. Marie Bues ist Regisseurin, Theaterleiterin und Dozentin für Darstellende Kunst.

Marie Bues ist Regisseurin und seit Oktober 2013 gemeinsam mit Martina Grohmann Künstlerische Leiterin des Theater Rampe Stuttgart.

v.l.n.r.: Martina Grohmann, Marie Bues, Foto: Felix Grünschloss

Sie hat von 2000- 2004 Schauspiel an der Staatlichen Hochschule  für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart studiert und war anschliessend als Schauspielerin an der Württembergischen Landesbühne Esslingen engagiert. Als Regieassistentin arbeitete sie von 2006 bis 2008 am Theater Basel und assistierte unter anderem Anna Viebrock, Christina Paulhofer, Renate Jett und Christiane Pohle.
Seit 2008 inszeniert sie als freie Regisseurin unter anderem am Theater Basel, Theater Osnabrück, Residenztheater München,  Theater Plauen Zwickau,  Nationaltheater Mannheim, Theater Lübeck, Theater Rampe Stuttgart,  WLB Esslingen, Staatstheater Karlsruhe, Staatstheater Saarbrücken, Landestheater Schleswig Holstein, Theater Magdeburg und dem Theater der Stadt Heidelberg.
2009 war sie Stipendiatin der Berliner Festspiele beim Internationalen Forum junger Bühnenangehöriger. 2010 gründete sie gemeinsam mit Anna Gschnitzer Theaterkollektiv bureau, mit Projekten an der Garage X Wien und am Ballhaus Ost Berlin. In freien Konstellationen arbeitet sie auch mit den Gruppen Bues/Mezger /Schwabenland  und Mother T. Rex, am Schlachthaus Theater Bern, den Sophiensaelen Berlin und am Theater Winkelwiese Zürich.

Am Theater Rampe legt sie einen Schwerpunkt auf Gegenwartsdramatik und experimentelle zeitgenössische Theaterpraxis. Ebenfalls gemeinsam mit Martina Grohmann leitet sie seit 2015 das Festival „6 tage frei“. Als Jurymitglied ist sie unter anderem für die Kunststiftung Baden Württemberg tätig gewesen, und unterrichtet an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Wie kamst Du zum Beruf Regisseurin und Intendantin?   
Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zur Schauspielerin gemacht, habe aber nach einiger Zeit bemerkt, dass ich als Regisseurin besser aufgehoben bin. Die tägliche Bühnenpraxis kann euphorische Gefühle auslösen, mich hat sie irgendwann ermüdet. Ich habe gemerkt dass ich mehr das Ganze überblicken will, dass meine Phantasie und meine Theatermittel in der Regie aufgehen, und habe mich als Regisseurin quasi neu erfunden. Ohne Regieausbildung habe ich mir selbst Diskurse angelesen, ganz unterschiedliche Regieformen und Genres ausprobiert, am Stadttheater und in der freien Szene von KollegInnen gelernt. Nach zwei Jahren Regieassistenz am Theater Basel bin ich dann freie Regisseurin geworden, und habe erstmal alles mögliche ausprobiert: Klassiker und Komödien zu inszenieren, Uraufführungen, eigene Projekte.. Intendantin wurde ich, weil mich das Theater Rampe als Ort interessierte, ich dort schon assistiert hatte, und als ich die Ausschreibung sah, ein klares Bild vor Augen hatte, dass Martina und ich dort arbeiten würden. Als wir dort anfingen mussten wir das ganz neu lernen, was es bedeutet ein Haus nicht nur programmatisch neu aufzustellen sondern auch insgesamt verantwortlich zu sein für einen Theaterbetrieb.

Als künstlerische Leiterin am Theater Rampe musst Du täglich Entscheidung über Mitarbeiter*innen fällen. Gibt es für Dich ein Gebot, das über allem steht? Einen Leitfaden? Ein Manifest für Dich bei dieser Arbeit?               
Wir sind ein sehr kleines Team. Mit 12 Menschen machen wir dieses ganze Programm- wir begreifen uns eher als eine Art Kollektiv mit fest verteilten Aufgaben. Martinas und meine Aufgabe ist darin die Kuration und Programmierung des Spielplans, natürlich auch alle personellen Entscheidungen. Wichtig ist die Kommunikation mit den MitarbeiterInnen: die ist immer am Besten wenn sie transparent und ehrlich bleibt, wenn man sich häufig umhört wie es den Menschen bei uns geht, was ihre Interessen, ihre Ziele, ihre Ärgernisse sind. Wo es geht, kann man dann darauf reagieren, und den Betrieb und sein Klima so auch für alle zum Positiven hin verändern. Tendenziell versuchen wir alle unsere MitarbeiterInnen mit grossem Respekt zu behandeln, so wie man eben gerne selbst behandelt werden würde, wäre man in anderer Position an einem anderen Theater.

Das Licht im Kasten am Theater Lübeck, Foto: Kerstin Schomburg

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?                       
Ja, da ist schon noch einiges im Argen. Männer wurden jahrelang von Männern besser gefördert als Frauen. Männer vertrauen Männern eher große Stoffe an, das ist schon sehr tief drin. In den Intendanzen der Stadttheaterlandschaft sitzen auch sehr viele Männer an der Spitze, die ein sehr konservatives Gesellschaftsbild vertreten, auch die Gleichstellung von Mann und Frau für eine lästige Modeerscheinung halten.
Wandel bedeutet Umstellung, das ist Arbeit, denn das bedeutet auch sich selbst, seine eigenen künstlerischen Prozesse, seine Strukturen zu hinterfragen. Das möchte nicht jede/r gerne tun. Klar, das ist lästig.
Ich glaube aber fest daran, dass wir diese Strukturen verändern müssen, um die Theater für die Gesellschaft relevant zu halten. Je mehr Intendanzen von Frauen übernommen werden, desto mehr ändert sich das klassische Schema, kommt mir vor. Frauen haben die Tendenz sich sowohl mit Männern als auch mit Frauen zu identifizieren. Männer identifizieren sich leider sehr oft nur mit anderen Männern.
Ich habe bei Intendantinnen oft auch eine grössere Offenheit und Neugier, ja auch eine inhaltliche Risikobereitschaft erlebt. Vielleicht tue ich da jetzt auch einigen Männern unrecht. Im Grunde ist auch nicht wichtig ob jemand Mann oder Frau ist. Das Bewusstmachen der eigenen Strukturen zählt eben.
Wichtig ist es eben nicht nur über das Thema Geschlechterbesetzung nachzudenken sondern auch über Erzählstrukturen am Theater, ein Frauen- und auch ein Männerbild, das von der Bühne herunter erzählt wird. Ich glaube darum sollte es uns gehen, die Rollenbilder zu überprüfen, neu zu befragen. Uns zu fragen, welche Bilder wir denn da in die Köpfe unserer ZuschauerInnen setzen, woher sie kommen, für wen sie erzählt werden. Wenn da endlich ein kritisches Bewusstsein einsetzt, bei Männern und Frauen, dann wäre viel getan.

Wie stehst Du zum „Feminat“ in der Vergabe von z.B. Regiepositionen, wie es an manchen Theatern gerade durchgeführt oder angestrebt wird?                       
Tendenziell finde ich die Idee natürlich super. Mal ein grosses sichtbares Zeichen, dass es auch anders gehen kann. Das ist ein guter Schritt. Es gibt aber auch Theater die schon seit Jahren gleichberechtigt arbeiten, die das gar nicht mehr gross thematisieren müssen, weil es Standard ist, das gefällt mir für die Zukunft noch besser.
In der freien Szene ist das ganz normal. Hier werden ja auch viele grosse Häuser, siehe HAU, Kampnagel, Sophiensaele von Frauen geleitet oder von Teams. Daran könnten sich die Stadtttheater gerne auch mal orientieren. Mich wundert, dass es im Stadttheater so eine Sensation ist, dass daraus ein grosser Werbeeffekt gemacht wird, dass man jetzt mit Frauen arbeitet.
Mich macht das etwas nachdenklich. Ich hätte gern ebenso viele feministische Männer wie Frauen an einem Haus versammelt, die über die Rollenbilder nachdenken, in ihren Bühnnerzählungen

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?           
Gleiche Bezahlung von Männern und Frauen für gleiche Arbeit.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
Nie. Es gab Zeiten, in denen ich es schwerer hatte als Frau im Regieberuf, aber ich wollte nie tauschen.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?           
Ich finde auf den Regieberuf bezogen: Den sogenannten “weiblichen Führungsstil”, als alternative Taktik zu begreifen, nicht mehr zuzulassen dass kollektiveres Arbeiten als Schwäche ausgelegt wird.
Diese klassischen Aufteilungen, was guter Regiestil ist, was schwach ist, aufzubrechen. Das sind alles so patriarchal geprägte Bilder, zb das Künstlergenie- ein furchtbar altmodisches faules Bild, dem noch so viele grade auch junge KünstlerInnen entsprechen wollen. Wir können uns doch neue Bilder schaffen. Der Begriff Solidarität ist im Stadtheater auch noch sehr unterbelichtet.

Who run the world am Theater Rampe, Foto: Alexander Wunsch

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…
ein Bewusstsein dafür wie ungerecht die Verteilung zuvor war. Sobald eine gleiche Verteilung als selbstverständlich angesehen wird, braucht man auch keine Quote mehr.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?   
Die Verantwortung auch in Führungspositionen nicht scheuen, auch wenn es bedeutet sich mit vielen unangenehmen Personen herumschlagen zu müssen.

Beschreibe Dich in drei Worten:
Ich bin ich

Was liest Du derzeit?
Enis Macis Essays “Eiscafé Europa“

Hast Du ein Lieblingsstück oder eins, das Du unbedingt mal machen möchtest?
“Paradies Fluten” und “Paradies Spielen” von Thomas Köck finde ich sehr toll, “The soldiers” von Sivan Ben Yishai, “Princess Hamlet” von Emmy Karhu, uvm.

Foto: Felix Grünschloss

Was lesen Frauen am FemFriday?

Ich habe schon das erste Jubiläum zu feiern: 25 Frauen sind bereits freitags über eure Handys und Bildschirme geflimmert.
Bevor ich jedoch Resümee ziehe und tatsächlich schon Statistiken erhebe, mache ich nochmal 25 Interviews.

WAS LIEST DU ZUR ZEIT? habe ich fast alle Frauen im #femfriday-Interview gefragt.
Hier kommt die Liste von Büchern, die uns diese tollen Frauen Woche für Woche empfohlen haben.
Die Liste ist ebenso vielfältig wie die Liste der Frauen.

*Achtung Affiliatelinks*

Andrea Schwalbach empfiehlt:
„Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari

Peggy Pollow empfiehlt
„Tschick“ von Wolfgang Herrendorf

Anika Baumann hat ne gute Mischung für uns:
„Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz, „Sophia der Tod und ich“ von Thees Uhlmann“ und „Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“

Martina Eitner-Acheampong empfiehlt:
„Das Buch der seltsamen neuen Dinge“ von Michel Faber

Brit Bartkowiak empfiehlt:
„Ökonomie der Ungleichheit: Eine Einführung“ von Thomas Piketty

Lisa Sommerfeldt empfiehlt uns gleich eine ganze Liste von Autoren:
Lucia Berlin, Thomas Melle, Sasha Marianna Salzmann, Julia Wolf

Vreni Frost empfiehlt:
„Der Outsider“ von Stephen King

Susanne Petridis beschäftigt sich mit folgender Literatur:
„Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung“ von Hartmut Rosa, „Innovation – Streitschrift über barrierefreies Denken“ von Wolf Lotter und das neue Buch von Robert Habeck „Wer wir sein könnten“

Julia Stinshoff empfiehlt zwei Sachbücher:
„Lösungskunst“ von Herbert Eberhart und Paolo J.Knill und „Transformation“ von Hannes Jahn und Peter Sinapius

Sabine Schweitzer ist Fan von Judith Hermanns „Letti Park“, „Sommerhaus“ und „Nichts als Gespenster“

Mareile Blendl wiederum arbeitet die Shortlist des deutschen Buchpreises 2018 ab!

Sylvia Fritzinger empfiehlt:
„Wir hatten ein barbarisches schönes Leben“ von Gretchen Dutschke

Sophie von Hellermann empfiehlt:
„The Essex Serpent“ von Sarah Perry

Zanna Cornelis empfiehlt:
„Die Ermordung des Commandatore“ von Haruki Murakami

Rebecca Reuter empfiehlt:
„Kind aller Länder“ von Irmgard Keun und beschäftigt sich gerade fast rund um die Uhr mit der Ljod-Trilogie von Vladimir Sorokin

Marlene Anna Schäfer empfiehlt als Künstlerin:
„Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron

Sophie Auster empfiehlt uns den Roman
„Die Freistatt“ von William Faulkner

Verena Schumacher hat eine absolute Leseempfehlung für uns:
„Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen“
Es geht um beeindruckende Frauen und deren Geschichten, die Mädchen Mut machen, an ihre Träume zu glauben!

Als Autorin weiß Vea Kaiser natürlich besonders Bescheid. Sie empfiehlt uns z.B. Jeffrey Eugenides „Middlesex“, Houllebecqs „Serotonin“, Krimis von Veit Heinichen, Aischylos „Perser“ und sie liest ihrem Mann vorm Schlafengehen „Daphnis und Chloe“ von Longos vor.

Birgit Lengers empfiehlt als Dramaturgin „Text“ von Dmitry Glukhovsky

Last but not least liest meine Tochter Greta gerade Harry Potter. Der geht immer, wie ich finde. In jedem Alter.

Auch wenn ich bisher meine eigenen Fragen nicht beantwortet habe, nenne ich euch schnell noch meinen Bücherstapel, der auf dem Nachttisch liegt:
derzeit lese ich parallel Makarionissi von Vea Kaiser

und den ersten Vernon Subutex von Virginie Despentes,

daneben liegt Vea Kaisers neuester Roman Rückwärtswalzer

und ich schaue regelmäßig in Dirk Baeckers „Studien zur nächsten Gesellschaft“.

Außerdem habe ich „Das weibliche Prinzip“ von Meg Wollitzer noch vor mir.

Soviel Stoff und so wenig Zeit….In diesem Sinne!

Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele.

Marcus Tillius Cicero

Foto: Pixabay