FemFriday mit julia zinke

Lange schon folge ich Julia auf Instagram und lange schon freue ich mich über ihren Sinn für Ästhetik, die Farbkompositionen in ihren Fotos. Mit Witz und Charme fängt sie ihren Alltag ein. Mir gefällt das sehr.
Julia ist Senior Producerin bei einer Berliner TV-Produktionsfirma. Außerdem ist sie Mutter von zwei Söhnen.

Wie kamst Du zu deinem heutigen Beruf und wie würdest Du Dich bezeichnen?

Als ich während meines Lehramtsstudium für eine Zeitung arbeitete, merkte ich, dass das eigentlich die Tätigkeit ist, die sich für mich wie ein Zuhause im Kopf anfühlt. Also wechselte ich den Studiengang, arbeitete für Zeitungen, dann fürs Radio und dann recht schnell fürs Fernsehen. Einen Film, eine Folge selber zu kreieren aus Bild, Ton, Text, einer Dramaturgie und Musik, das ist wie ein großes kreatives Puzzle. Selbst nach über 20 Jahren beim Fernsehen fühlt sich die Arbeit als Senior Producerin noch jeden Tag gut an – ich mag diesen Schaffensprozess sehr. Es begeistert mich jedes Mal, z. Bsp. zu spüren, wie im Schnitt eine Szene eine komplett andere Wirkung erhält, wenn die Musik lediglich einen Tick später einsetzt.

An welchen Moment deiner Karriere erinnerst Du Dich besonders gut?

Ich erinnere mich noch sehr oft und sehr gerne daran, wie wir eine Doku Reihe mit Autisten*innen produziert haben und dabei lernen mussten, uns in ihre Welt hineinzuversetzen und unsere Arbeitsweisen größtenteils ändern und anpassen mussten. Die Kommunikation, die Interviews, kein Smalltalk, eine andere Wahrnehmung von Gefühlen – wir mussten bei den Dreharbeiten ganz neue Wege finden und gehen. Eine sehr wertvolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Funktioniert Euer Modell von Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Zum Glück können und wollen mein Mann und ich fast alles 50/50 teilen. Das ist sehr wertvoll und größtenteils funktioniert unser Modell. Dennoch merke ich auch immer wieder, sehr vieles ist möglich, doch alles gleichzeitig: das funktioniert einfach nicht. Manchmal stelle ich mir vor, dass ich wie vor einem Mischpult des Lebens stehe. Alle Regler gleichzeitig hochziehen: so kann kein schöner Sound entstehen. Daher versuche ich im Wechsel immer nur einzelne und wenige Regler gleichzeitig hochzuziehen. Mal gibt es mehr Abende mit Freunden, dafür weniger Sport, dann wieder viel family und dafür weniger Slots und Muse für den Job usw.

Insgesamt merken wir aber auch, dass Familien auf vielen Ebenen noch mehr entlastet und gestärkt werden müssen.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?

Fürsprecherin für sich selbst und andere zu sein! Fempowerment ist für mich ein gegenseitiges Unterstützen, Fördern, Wertschätzen und auch Weiterempfehlen. Wir Frauen müssen uns zusammen stark machen gegen die patriarchalische Arbeitswelt – anstatt uns als Konkurrentinnen zu betrachten. Empowerment am Arbeitsplatz gelingt nur, wenn wir Kolleginnen zusammenhalten und uns gegenseitig so selbstverständlich fördern und befördern wie es unsere männlichen Kollegen tun. Wir müssen uns gegenseitig Mut machen, besser zusammen networken und zusammen unsere Stimme zu erheben, wann immer es nötig ist, um für mehr Gleichheit zu sorgen. Egal ob es dabei um die Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen oder um die gleichen Rechte für Minderheiten geht – (F)Empower all!

Was würdest Du in der Filmbranche gern sofort ändern?

Die Tatsache, dass wir im Kino und im Fernsehen immer noch überwiegend Geschichten von Männern sehen, – und dass wir auch hinter der Kamera immer noch weniger Frauen finden: Kamerafrauen sind weiterhin eine wahre Seltenheit und der Frauenanteil in den anderen Gewerken wie Produktion, Buch, Ton und Schnitt ist auch noch sehr gering. Wir müssen laut bleiben und uns stark machen für eine strukturelle Gleichberechtigung.

Du bist Mutter von zwei Jungs, wie förderst Du ihr feministisches Bewusstsein?

Ich versuche dies vor allen Dingen durch Vorleben und durch Gespräche mit ihnen. Wir reden darüber wie gut und wichtig es ist, Gefühle zu zeigen, Empathie und Hilfsbereitschaft zu entwickeln, sich um andere zu kümmern und auch mit Niederlagen umgehen zu können. Für mich sind das Qualitäten, die kein Geschlecht haben.
Wir versuchen sie frei von Rollenerwartungen und den bekannten Stereotypen zu erziehen. Im Alltag kann und muss das heißen, dass nicht „nur“ der Vater das Rad repariert sondern auch ich z. Bsp. dieses Feld besetze.
Unsere Jungs erleben uns beide als berufstätig und auch im Haushalt. Im besten Fall können wir ihnen so gleichberechtigte Vorstellungen für ihr Leben mitgeben.
Ich spreche mit ihnen auch darüber, dass wir eine Frau als Bundeskanzlerin hatten und zeigen ihnen Videos von der jungen Skateboard Olympiasiegerin oder quatsche mit ihnen darüber, wie stark das Mädchen in ihrem Fußballteam im Sturm ist.
Im Alltag versuchen wir gemischtgeschlechtliche Freundschaften zu unterstützen – mal klappt das besser, mal schlechter.
Ich denke, bei sich selbst anzufangen ist der Schlüssel für emanzipierte Erziehung. Das Gelebte prägt.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…

…dann auf jeden Fall eine mediale Debatte rund um mixed leadership, mehr Interesse an weiblichem Führungspotential, eine andere Art von Kommunikation in den Unternehmen, dass nicht mehr die Besten aus den Buddy-Netzwerken in den Führungspositionen sitzen sondern die Besten der Branche – und hoffentlich und ganz wichtig: die Erkenntnis, dass wir nur mittels der Quote eingeprägte Muster überwinden können.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Es gibt viele verschiedene Schrauben, an denen wir Frauen selber drehen können, um Vorurteile endlich zu stoppen. Zum Beispiel dürfen wir nicht müde werden, immer wieder deutlich zu machen, dass es auch Frauen gibt, die in Teilzeit arbeiten und Karriere machen wollen. Und wir Frauen bewerben uns häufig für Stellen unter unserer beruflichen Qualifikation, dies können wir ändern. Wir müssen unser Potential nutzen und uns mehr zutrauen. Last but not least: im Job selber können wir auch sprachlich selbstbewusster auftreten und all die „vielleichts“ und „ich glaube“ weglassen. Wir Frauen müssen unsere Stärken kennen und sie einsetzen.

Gibt es etwas, was Du von deiner Mutter geerbt hast und reproduzierst?

Vieles! Meine Mutter hat sich z. Bsp. in ihrem Leben nie in Rollen und Schubladen stecken lassen, sie ist sehr kreativ und willensstark. Mit Mitte 40 hat sie noch einen zweiten Beruf erlernt – das hat mich sehr beeindruckt. Vieles von ihrer mutigen, kraftvollen und unkonventionellen Art steckt auch in mir.

In welchen Momenten deines Jobs, wärst Du lieber ein Mann?

In keinem Moment.


Was liest Du derzeit?

„Das Leben ist ein Fest“, den neuen Roman über das Leben von Frida Kahlo von Claire Berest. Es ist großartig, wortgewaltig, lustvoll, laut, auffallend und gefühlvoll. Ein wunderschöner Text über das Leben einer unkonventionellen und temperamentvollen jungen Frau.

Wer mehr über Julia erfahren möchte folgt ihr auf Instagram – es lohnt sich!

Alle Fotos sind privat entstanden.

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