FEMFriday mit den vorleser_innen

Elena Shirin Meger und Caroline Bushra von der Goltz sind DER moderne Buchclub, der mich im Lockdown inspirierte. Die beiden präsentieren wöchentlich auf Instagram unterschiedlichste Persönlichkeiten, die ein Liebslingsbuch oder für sie, wichtige Literatur vorstellen. Dazu bekommen die Vorleser_innen sehr spannende Fragen gestellt.

Vorleser_innen
Menschen, die Bücher empfehlen. Geschichten vorlesen. Eigene erzählen.
Kuratiert von Elena Meger & Caroline von der Goltz.


Wie oft habe ich schon einen Screenshot gemacht, das vorgestellte Buch bestellt und mit großem Interesse gelesen.
Heute stelle ich Euch die Gründerinnen von die Vorleser_innen vor.

Wie kam es dazu, dass Ihr mit Vorleser_innen gestartet habt?

Elena: Die Grundidee kam mir im 10-tägigen Schweige-Meditationskloster, dem sogenannten Vipassana, in Schweden. Mir wurde schnell klar: Ich möchte diese Idee mit Caroline weiterdenken, konzipieren und umsetzen. Nicht nur, weil wir gute Freundinnen sind, sondern auch, weil wir beide das Vorlesen lieben. 

Caroline: Ich war sofort begeistert, als Elena mir von der Idee erzählt hat. Im Gespräch haben wir dann festgestellt, dass wir bei Vorleser_innen nicht nur Bücher vorstellen, sondern vor allem einen Raum für Nähe, Inspiration und Austausch schaffen wollen. Der zweite Lockdown war da ein guter Zeitpunkt, um das Projekt zu lancieren.

An welchen Moment dieser Gründung, erinnert Ihr Euch besonders gut?

Caroline: Als wir im Spätsommer 2020 mit einem Schlauchboot über Berliner Kanäle gefahren sind und uns zum ersten Mal intensiv über die Idee ausgetauscht haben. 

Elena Shirin Meger / Foto: Tessa Bozek

Elena: Ja, die Mischung aus Sonne, Zweisamkeit und dem sich treiben lassen – buchstäblich – war magisch! Wir waren schnell im Flow und werden dieses, unser erstes, Business-Meeting immer in besonderer Erinnerung behalten.

Gab es ein Buch der bisherigen Vorleser_innen, das Euch besonders beeindruckt hat?

Elena: Puh, so viele! »Beschreibung einer Krabbenwanderung« von Karosh Taha zum Beispiel, weil die schöne Stimme unserer Vorleserin Şeyda Kurt immer noch nachhallt. Aber auch »Das Drama des begabten Kindes«, vorgelesen von der Künstlerin Douniah, weil uns der Inhalt beide persönlich berührt hat. Nachdem Douniah uns ihren Content geschickt hat, haben Caroline und ich lange telefoniert und uns darüber ausgetauscht, was die Zeilen in uns ausgelöst haben. 

Caroline: Ja, oder »Frausein« von Mely Kiyak, das die Journalistin Lin Hierse vorgestellt hat. Der Essay beschreibt, wie sich das eigene Frausein auf jeden Lebensbereich, auf jede Lebensphase auswirkt – und entwaffnet die Verhältnisse, in denen wir weiblich gelesene Personen leben, auf ganz sanfte Art und Weise. 

Was macht für Euch gute Literatur aus?

Elena: Ein Buch zieht mich in seinen Bann, wenn die darin geschriebenen Worte es mir ermöglichen, mich ihnen ganz und gar hinzugeben. Wenn ich in sie eintauchen und regelrecht darin verschwinden kann. Um dann, wie nach einem Tagtraum, aufzuwachen – bereichert um warme (oder kalte) Gefühle, neues Wissen oder eine Erkenntnis.  

Caroline: Das Schöne an Literatur ist doch, dass sie für jede Gelegenheit und für jedes Befinden etwas Passendes zu bieten hat. Für mich muss Lesen nicht immer lehren oder inspirieren, es darf auch ein kurzweiliger Zeitvertreib sein. Oder mich langweilen. Ein Buch und die Resonanz, die dessen Inhalt in uns erzeugt, sind ein guter Spiegel. Das schätze ich an Literatur.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt, dann…

Caroline: … dass mehr privilegierte cis Frauen Zugang zu privilegierten Berufsfeldern haben. Versteh mich nicht falsch, die Frauenquote ist per se natürlich keine schlechte Sache, im Schöffengericht beispielsweise wäre sie eigentlich unerlässlich. Nur packt sie das Problem nicht bei der Wurzel. Wie divers beispielsweise ein Vorstandsteam ist, interessiert mich nur zweitrangig, wenn die Frauen dieses Teams profitorientiert und ausbeuterisch arbeiten – so wie deren männliche Kollegen. Feminismus verträgt sich nicht mit Kapitalismus, wenn er intersektional gedacht wird. Das wiederum ist zwingend notwendig, wird aber im (weißen) Diskurs leider oft vergessen. Hinzu kommt, dass die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen trotz Quote stetig weiter auseinanderklaffen. Auch die Gewalt an Frauen nimmt zu. Dies verdient meines Erachtens weit mehr öffentliche Aufmerksamkeit als eine Diskussion um die Frauenquote oder Gendersternchen.

Was macht für Euch Fempowerment heute aus?

Elena
: Die eigene Lebensrealität kritisch hinterfragen und sich mit denen anderer Frauen auseinandersetzen. Fempowerment darf keine One-Woman-Show sein, oder etwas, von dem nur ein begrenzter Kreis an Frauen profitiert. Wir müssen lernen, hinzuschauen und zuzuhören, nur so funktioniert das Ganze. Bei der authentischen und aufrichtigen Auseinandersetzung individueller und kollektiver Traumata spielen natürlich auch andere Diskriminierungsformen – Rassismus, Ableismus und Klassismus etwa – eine große Rolle. Das Weiterbilden in diesen Bereichen gehört gleichermaßen zu Fempowerment. 

Caroline Bushra von der Goltz / Foto: Tessa Bozek

Seid Ihr eher grün oder blau?

Caroline: Hm, zu Blau fühle ich mich weitaus mehr hingezogen als zu Grün. Vielleicht, weil Himmel und Meer trotz ihrer Weite Fixpunkte sind und somit eine beruhigende Wirkung auf mich haben. Vielleicht auch, weil ich in meinen Teens blauem Lidschatten verfallen war. Blaue French Nails waren auch eine zeitlang mein Go-To. Blau ist eine coole Farbe, sie hat Tiefe und ist dabei sehr unaufdringlich. Klingt cheesy, aber: damit kann ich mich identifizieren. 

Elena: Bei dieser Frage musste ich an viele unterschiedliche Dinge denken. An die Farbenlehre beispielsweise, die mein Vater, der Künstler ist, mir schon als Kind beibrachte. An den Fakt, dass das menschliche Auge mehr Abstufungen von Grün erkennen kann als von jeder anderen Farbe. Dass ich die blauen Augen von meiner Mutter vererbt bekommen habe. Und: dass bunt die schönste Farbe ist, weil Diversität und Zusammenschluss das ist, was unsere Welt ausmacht – und was wir zeitgleich mehr stärken und fördern müssen.

In welchen Momenten Eures Jobs, wärt Ihr lieber ein Mann?

Elena: In keinen. Klar, es gibt Situationen in meinem Alltag und in denen anderer Frauen, in denen es mit Erleichterung einhergehen würde, wenn frau das andere Geschlecht hätte. Aber ich bin hier, um den Weg zu gehen – mit allen Hürden, Schmerzen und den noch so kleinen Erfolgserlebnissen, die er mitbringt. Um ihn für Nachfolger:innen zu ebnen. Und um authentisch mitsprechen zu können, weil ich ein Teil der Bewegung war.

Caroline: Dem schließe ich mich an. Ganz ehrlich, ich möchte in keinem Lebensbereich ein Mann sein, ich liebe es, eine Frau zu sein. Interessant wäre doch, die Frage mal umzudrehen: also sich bei cis Männern zu erkundigen, in welchen Momenten im Berufsalltag sie lieber eine Frau wären. Sicherlich eine gute Methode, um Sexisten zu entlarven. 

Wer würde Dich im Film spielen?

Elena: Eine junge, unbekannte, ambitionierte Schauspielerin, die mit Vision, Herz und Aufrichtigkeit ihre Träume verfolgt – und wer weiß, vielleicht eines Tages mit diesem Film ihren Durchbruch erlebt.

Caroline: Keine Ahnung! Es gibt so viele talentierte Schauspielerinnen, zu denen ich aufblicke, eine von ihnen zu nennen, käme mir anmaßend vor. 

Was lest Ihr derzeit?

Caroline: Einen Ratgeber zum Thema seelische und körperliche Gesundheit. Hinter mir liegt ein aufwühlendes Jahr – da ist gerade kein Raum für fiktive Geschichten und komplexes Wissen. Wenn ich mit dem Buch fertig bin, möchte ich unbedingt die »Kopenhagen«-Trilogie von Tove Ditlevsen lesen, die Journalistin Victoria Reichelt in unserem Buchclub vorgestellt hat. 

Elena: Bei mir ist es genau andersrum: Ich habe jahrelang – auch in meiner Freizeit – ausschließlich Sachbücher gelesen und merkte, dass es jetzt Zeit für einen Roman ist. Nachdem dieser mir von vielen empfohlen wurde, lese ich gerade »Was man von hier aus sehen kann« von Mariana Leky und erfreue mich daran sehr.

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