FemFriday mit Marie Bues

Heute geht es im #femfriday weiter mit einer spannenden Theaterfrau. Marie Bues ist Regisseurin, Theaterleiterin und Dozentin für Darstellende Kunst.

Marie Bues ist Regisseurin und seit Oktober 2013 gemeinsam mit Martina Grohmann Künstlerische Leiterin des Theater Rampe Stuttgart.

v.l.n.r.: Martina Grohmann, Marie Bues, Foto: Felix Grünschloss

Sie hat von 2000- 2004 Schauspiel an der Staatlichen Hochschule  für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart studiert und war anschliessend als Schauspielerin an der Württembergischen Landesbühne Esslingen engagiert. Als Regieassistentin arbeitete sie von 2006 bis 2008 am Theater Basel und assistierte unter anderem Anna Viebrock, Christina Paulhofer, Renate Jett und Christiane Pohle.
Seit 2008 inszeniert sie als freie Regisseurin unter anderem am Theater Basel, Theater Osnabrück, Residenztheater München,  Theater Plauen Zwickau,  Nationaltheater Mannheim, Theater Lübeck, Theater Rampe Stuttgart,  WLB Esslingen, Staatstheater Karlsruhe, Staatstheater Saarbrücken, Landestheater Schleswig Holstein, Theater Magdeburg und dem Theater der Stadt Heidelberg.
2009 war sie Stipendiatin der Berliner Festspiele beim Internationalen Forum junger Bühnenangehöriger. 2010 gründete sie gemeinsam mit Anna Gschnitzer Theaterkollektiv bureau, mit Projekten an der Garage X Wien und am Ballhaus Ost Berlin. In freien Konstellationen arbeitet sie auch mit den Gruppen Bues/Mezger /Schwabenland  und Mother T. Rex, am Schlachthaus Theater Bern, den Sophiensaelen Berlin und am Theater Winkelwiese Zürich.

Am Theater Rampe legt sie einen Schwerpunkt auf Gegenwartsdramatik und experimentelle zeitgenössische Theaterpraxis. Ebenfalls gemeinsam mit Martina Grohmann leitet sie seit 2015 das Festival „6 tage frei“. Als Jurymitglied ist sie unter anderem für die Kunststiftung Baden Württemberg tätig gewesen, und unterrichtet an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Wie kamst Du zum Beruf Regisseurin und Intendantin?   
Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zur Schauspielerin gemacht, habe aber nach einiger Zeit bemerkt, dass ich als Regisseurin besser aufgehoben bin. Die tägliche Bühnenpraxis kann euphorische Gefühle auslösen, mich hat sie irgendwann ermüdet. Ich habe gemerkt dass ich mehr das Ganze überblicken will, dass meine Phantasie und meine Theatermittel in der Regie aufgehen, und habe mich als Regisseurin quasi neu erfunden. Ohne Regieausbildung habe ich mir selbst Diskurse angelesen, ganz unterschiedliche Regieformen und Genres ausprobiert, am Stadttheater und in der freien Szene von KollegInnen gelernt. Nach zwei Jahren Regieassistenz am Theater Basel bin ich dann freie Regisseurin geworden, und habe erstmal alles mögliche ausprobiert: Klassiker und Komödien zu inszenieren, Uraufführungen, eigene Projekte.. Intendantin wurde ich, weil mich das Theater Rampe als Ort interessierte, ich dort schon assistiert hatte, und als ich die Ausschreibung sah, ein klares Bild vor Augen hatte, dass Martina und ich dort arbeiten würden. Als wir dort anfingen mussten wir das ganz neu lernen, was es bedeutet ein Haus nicht nur programmatisch neu aufzustellen sondern auch insgesamt verantwortlich zu sein für einen Theaterbetrieb.

Als künstlerische Leiterin am Theater Rampe musst Du täglich Entscheidung über Mitarbeiter*innen fällen. Gibt es für Dich ein Gebot, das über allem steht? Einen Leitfaden? Ein Manifest für Dich bei dieser Arbeit?               
Wir sind ein sehr kleines Team. Mit 12 Menschen machen wir dieses ganze Programm- wir begreifen uns eher als eine Art Kollektiv mit fest verteilten Aufgaben. Martinas und meine Aufgabe ist darin die Kuration und Programmierung des Spielplans, natürlich auch alle personellen Entscheidungen. Wichtig ist die Kommunikation mit den MitarbeiterInnen: die ist immer am Besten wenn sie transparent und ehrlich bleibt, wenn man sich häufig umhört wie es den Menschen bei uns geht, was ihre Interessen, ihre Ziele, ihre Ärgernisse sind. Wo es geht, kann man dann darauf reagieren, und den Betrieb und sein Klima so auch für alle zum Positiven hin verändern. Tendenziell versuchen wir alle unsere MitarbeiterInnen mit grossem Respekt zu behandeln, so wie man eben gerne selbst behandelt werden würde, wäre man in anderer Position an einem anderen Theater.

Das Licht im Kasten am Theater Lübeck, Foto: Kerstin Schomburg

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?                       
Ja, da ist schon noch einiges im Argen. Männer wurden jahrelang von Männern besser gefördert als Frauen. Männer vertrauen Männern eher große Stoffe an, das ist schon sehr tief drin. In den Intendanzen der Stadttheaterlandschaft sitzen auch sehr viele Männer an der Spitze, die ein sehr konservatives Gesellschaftsbild vertreten, auch die Gleichstellung von Mann und Frau für eine lästige Modeerscheinung halten.
Wandel bedeutet Umstellung, das ist Arbeit, denn das bedeutet auch sich selbst, seine eigenen künstlerischen Prozesse, seine Strukturen zu hinterfragen. Das möchte nicht jede/r gerne tun. Klar, das ist lästig.
Ich glaube aber fest daran, dass wir diese Strukturen verändern müssen, um die Theater für die Gesellschaft relevant zu halten. Je mehr Intendanzen von Frauen übernommen werden, desto mehr ändert sich das klassische Schema, kommt mir vor. Frauen haben die Tendenz sich sowohl mit Männern als auch mit Frauen zu identifizieren. Männer identifizieren sich leider sehr oft nur mit anderen Männern.
Ich habe bei Intendantinnen oft auch eine grössere Offenheit und Neugier, ja auch eine inhaltliche Risikobereitschaft erlebt. Vielleicht tue ich da jetzt auch einigen Männern unrecht. Im Grunde ist auch nicht wichtig ob jemand Mann oder Frau ist. Das Bewusstmachen der eigenen Strukturen zählt eben.
Wichtig ist es eben nicht nur über das Thema Geschlechterbesetzung nachzudenken sondern auch über Erzählstrukturen am Theater, ein Frauen- und auch ein Männerbild, das von der Bühne herunter erzählt wird. Ich glaube darum sollte es uns gehen, die Rollenbilder zu überprüfen, neu zu befragen. Uns zu fragen, welche Bilder wir denn da in die Köpfe unserer ZuschauerInnen setzen, woher sie kommen, für wen sie erzählt werden. Wenn da endlich ein kritisches Bewusstsein einsetzt, bei Männern und Frauen, dann wäre viel getan.

Wie stehst Du zum „Feminat“ in der Vergabe von z.B. Regiepositionen, wie es an manchen Theatern gerade durchgeführt oder angestrebt wird?                       
Tendenziell finde ich die Idee natürlich super. Mal ein grosses sichtbares Zeichen, dass es auch anders gehen kann. Das ist ein guter Schritt. Es gibt aber auch Theater die schon seit Jahren gleichberechtigt arbeiten, die das gar nicht mehr gross thematisieren müssen, weil es Standard ist, das gefällt mir für die Zukunft noch besser.
In der freien Szene ist das ganz normal. Hier werden ja auch viele grosse Häuser, siehe HAU, Kampnagel, Sophiensaele von Frauen geleitet oder von Teams. Daran könnten sich die Stadtttheater gerne auch mal orientieren. Mich wundert, dass es im Stadttheater so eine Sensation ist, dass daraus ein grosser Werbeeffekt gemacht wird, dass man jetzt mit Frauen arbeitet.
Mich macht das etwas nachdenklich. Ich hätte gern ebenso viele feministische Männer wie Frauen an einem Haus versammelt, die über die Rollenbilder nachdenken, in ihren Bühnnerzählungen

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?           
Gleiche Bezahlung von Männern und Frauen für gleiche Arbeit.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
Nie. Es gab Zeiten, in denen ich es schwerer hatte als Frau im Regieberuf, aber ich wollte nie tauschen.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?           
Ich finde auf den Regieberuf bezogen: Den sogenannten “weiblichen Führungsstil”, als alternative Taktik zu begreifen, nicht mehr zuzulassen dass kollektiveres Arbeiten als Schwäche ausgelegt wird.
Diese klassischen Aufteilungen, was guter Regiestil ist, was schwach ist, aufzubrechen. Das sind alles so patriarchal geprägte Bilder, zb das Künstlergenie- ein furchtbar altmodisches faules Bild, dem noch so viele grade auch junge KünstlerInnen entsprechen wollen. Wir können uns doch neue Bilder schaffen. Der Begriff Solidarität ist im Stadtheater auch noch sehr unterbelichtet.

Who run the world am Theater Rampe, Foto: Alexander Wunsch

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…
ein Bewusstsein dafür wie ungerecht die Verteilung zuvor war. Sobald eine gleiche Verteilung als selbstverständlich angesehen wird, braucht man auch keine Quote mehr.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?   
Die Verantwortung auch in Führungspositionen nicht scheuen, auch wenn es bedeutet sich mit vielen unangenehmen Personen herumschlagen zu müssen.

Beschreibe Dich in drei Worten:
Ich bin ich

Was liest Du derzeit?
Enis Macis Essays “Eiscafé Europa“

Hast Du ein Lieblingsstück oder eins, das Du unbedingt mal machen möchtest?
“Paradies Fluten” und “Paradies Spielen” von Thomas Köck finde ich sehr toll, “The soldiers” von Sivan Ben Yishai, “Princess Hamlet” von Emmy Karhu, uvm.

Foto: Felix Grünschloss

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