FemFriday mit Leoni Schulz

Heute geht es am #femfriday mit einer Schauspielerin weiter. Leoni Schulz stammt wie ich aus Hessen und ist am Staatstheater Mainz engagiert. Vergangene Woche sah ich sie in einen Solo Abend über Anna Politkowskaja. Toll! Hier gehts zum Interview.

Leoni Schulz wurde 1982 in Frankfurt am Main geboren, mit vier Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Pakistan und mit 13 Jahren nach Simbabwe. Nach dem Abitur studierte sie Politologie an der Goethe Universität in Frankfurt am Main und schloss 2006 mit einem Diplom ab. Darauf folgte von 2007 bis 2011 das Schauspielstudium an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Während des Studiums spielte sie bereits in zwei Produktionen am Hans Otto Theater in Postdam („Die Geschichte vom Baum“, Regie: Aurelina Bücher und „Die Aeneis“, Regie: Sascha Hawemann). Nach dem Studium arbeitete sie freischaffend in Berlin und gastierte u.a. am Landestheater Schleswig-Holstein, an der Tafelhalle in Nürnberg, im Raum13 in Köln sowie an der Schaubühne Berlin, wo sie eine Rolle in Volker Löschs Inszenierung von „Draussen vor der Tür“ übernahm. In Katrin Gebbes „Tore tanzt“, der bei den Filmfestspielen in Cannes lief, übernahm sie eine Nebenrolle. 
Seit der Spielzeit 14/15 ist sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz und spielte hier u.a. Margarita in „Meister und Margarita“ (Regie: Jan-Christoph Gockel), Marwood in „Miss Sara Sampson“ (Regie: Markolf Naujoks), einen Solo Abend über Anna Politkowskaja (Regie: Kathrin Herm), war in verschiedenen Koproduktionen mit Luxemburg, London und tanzmainz zu sehen und spielt aktuell Brunhild in „Die Nibelungen“ sowie in „Ljod – das Eis – Trilogie“ (Regie: Jan-Christoph Gockel).

Wie kamst Du zum Beruf Schauspielerin?

Eigentlich bin ich zum Beruf Schauspielerin recht spät gekommen. Ich denke aber es war schon immer mein Ausdrucksmittel. Als Kind wurde ich in einer amerikanischen Schule eingeschult, da ich mit 4 Jahren mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder nach Peschawar in Pakistan gezogen bin. Meine Mutter erzählte mir, dass ich aufgrund der neuen Sprache drei Monate lang in der Schule gar nicht gesprochen hätte und dann bei einer Schulaufführung in perfektem Englisch die Rolle gespielt hätte. Da hat sich wohl zum ersten Mal eine starke Verbindung zu diesem Beruf gezeigt. Dass man Schauspiel tatsächlich studieren kann, habe ich spät erfahren. Ich habe neben meinem Studium der Politologie, als Statistin in der Oper und im Schauspiel in Frankfurt am Main gearbeitet und dort erzählten mir Kolleg*innen davon. Und dann habe ich mich auf die lange Vorsprechreise an den Schauspielschulen begeben.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Besonders gut erinnere ich mich an den Moment als ich eine Rolle in „Draussen vor der Tür“ an der Schaubühne bekam. Ich wurde Donnerstags von der Dramaturgie angerufen, Freitag Vormittag hatte ich mein Vorsprechen und Mittags, als ich grade zu Hause zur Tür reinkam, rief Volker Lösch mich an und fragte ob ich gleich wieder zurückkommen könne, er würde gerne mit mir arbeiten. Das war ein riesiges Erfolgserlebnis für mich und hat mir sehr viel Selbstbewusstsein für meinen Beruf gegeben.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?

Definitiv. Es ist ja im Moment – zurecht – ein riesen Thema. Neben dem offensichtlichen Ungleichgewicht in Leitungspositionen, z.B. Intendanz, Schauspieldirektion, Regie sowie auch in den technischen Berufen, wie Bühnentechnik und Beleuchtung – in diesen Bereichen sind immer noch Männer in der Mehrzahl – ist es auch im Schauspiel Thema. Ich hatte hier in Mainz die Möglichkeit mit vielen Regisseurinnen zu arbeiten, Brit Bartkowiak, Hannah Barker, Carole Lorang, Aslı Kışlal, Jana Vetten, Kathrin Herm und ich habe in zwei Stücken gespielt, die eine ausschließlich weibliche Besetzung hatten.
Das nehme ich als positive Entwicklung wahr aber leider ist es auch immer noch eine Ausnahme. Viele „klassische“ Rollen bleiben einem als Frau vorenthalten, weil es „Männerrollen“ sind. Ich setze „Männerrollen“ hier in Anführungsstriche, weil ich denke, dass diese Rollen nicht unbedingt geschlechterspezifisch besetzt werden müssten. Die Schauspielerin Jana Schulz ist da ein Riesenvorbild für mich: sie spielt Rollen wie Woyzeck oder Raskolnikow nicht als Frau oder als Mann oder als Frau die einen Mann spielt sondern einfach ihre Interpretation der Rolle. Davon wünsche ich mir mehr!

Sind Frauen die besseren Künstler*innen?
Das würde ich nicht sagen aber ich denke, dass Künstlerinnen immer noch unterschätzt werden und zu wenig Sichtbarkeit erfahren.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?
Laut sein, sich nicht zurückhalten, für sich selbst einstehen und vor allem sich vernetzen und gegenseitig fördern. Das machen Frauen im Beruf immer noch viel zu wenig. 

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?
Das Gagengefälle. Das betrifft sowohl die Gender Pay Gap als auch die Intransparenz der Gagen in den künstlerischen Berufen. Da gibt es außer den Anfängergagen keine klaren Richtwerte als Verhandlungsbasis.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
In Gehaltsverhandlungen und wenn ich in einem beliebigen Kostüm durch die Gänge gehe und ich mir mindestens 10 Bemerkungen anhören muss ob ich jetzt in diesem Kostüm attraktiv aussehe oder nicht – denn, was kann es für eine Frau wichtigeres geben?!

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

Dann, dass Frauen sichtbarer werden, vor allem in Berufen, die immer noch als „Männerdomäne“ gelten und damit zu greifbaren Vorbildern für junge Frauen (und Männer) werden. 

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Ich denke, wir sollten vor allem aufpassen, dass wir uns nicht an den patriarchalen Strukturen beteiligen. Das passiert immer wieder, weil wir ja alle mehr oder weniger so sozialisiert wurden. Das betrifft vor allem die den patriarchalen Strukturen inhärente Idee, dass es weniger Stellen für Frauen am Arbeitsplatz gibt und ich deshalb als Frau alle anderen Frauen als Konkurrentinnen wahrnehme und sie „bekämpfe“. Da dürfen wir nicht mehr mitmachen. Ich denke das könnte viel bewirken.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Kämpferisch, sensibel, aufgeschlossen

Was liest Du derzeit?

Gerade beendet habe ich „Untenrum Frei“ von Margarete Stokowski und „Wahnsinn“ von Kalin Terziyski und momentan lese ich „Alte Weisse Männer – ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann. Als nächstes kommt wahrscheinlich „Tanz mit dem Schafsmann“ von Haruki Murakami dran.

Hast Du ein Lieblingszitat? Wenn ja welches ist das?
Hatte ich eigentlich noch nie aber Margarete Stokowski zitiert in „Untenrum Frei“ Mascha Kaléko mit „Lieber noch mit dornzerkratzten Händen/ als mit manikürter Seele enden!“ Das ist mir irgendwie im Kopf geblieben.

Mehr Infos über Leoni findet ihr auf ihrer Homepage oder am Staatstheater Mainz.

Fotos: dedaproductions

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