#digitaldienstag mit Marcus Lobbes

Endlich gehts hier wieder um meine Lieblingsfrage WIE DIGITAL IST DIE KUNST? Dazu habe ich den Regisseur Marcus Lobbes interviewt. Seit diesem Jahr ist er Künstlerischer Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, also genau der richtige für meine Fragen.

Was war deine erste Begegnung mit der Digitalisierung?

Meine ersten Begegnungen mit der Digitalisierung reichen zurück bis in eine Zeit, als es das den Begriff davon so noch nicht gab. Mein Vater war schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts als damals sogenannter Programmierer oder IT-Spezialist unterwegs. Bei uns zu Hause gab es immer die neueste Technik, immer ein großes Interesse an neuesten Entwicklungen. Allein die Generationen von Schachcomputern, die in unsere Wohnung gegen uns, für ihn analysierend oder gegeneinander im Betrieb waren – großartig. Was mein Vater so gearbeitet hat, war immer etwas Sagenumwobenes oder Geheimnisvolles; er selbst hat sich kaum je die Mühe gemacht, darüber zu berichten – in der Annahme, dass wir Familie davon niemals etwas verstehen würden, nehme ich mal an. Umso eindrücklicher waren mit ihm dann die Spaziergänge in den früheren 1970ern durch ein neu errichtetes Rechenzentrum, in dem ich voller Begeisterung den Wechsel von Lochkarte auf Magnetband präsentiert bekam. In meiner Erinnerung sind das Stockwerke voll mit riesigen Maschinen gewesen, die den gesamten Flugbetrieb der Lufthansa von Frankfurt aus steuerten. Dann, nachdem wir den praktischen Teil seiner Arbeit gesichtet hatten, haben wir an seinem Arbeitsplatz aus den riesigen Fenstern direkt auf die Start- und Landebahnen des Flughafens geschaut, und sein Lieblingssatz war: „Hier sitze ich und denke nach, wie es noch besser gehen könnte…“ 

Wie digital bist Du im Alltag?

Ach, nach einer riesigen Pause von allem, was auch nur ansatzweise mit Computern zu tun hat – ich war ziemlich vor unserem C64 versackt und wollte mich nun ausschließlich auf mein Studium, auf Musik, auf Theater konzentrieren – bin ich – tatsächlich erst – seit dem Jahr 2000 wieder an den Geräten und ihrer Vernetzung dran. Ich nutze zurzeit mehrere Rechner, stationär und mobil, natürlich ein Smartphone, alles vernetzt und vercloudet, und versuche trotzdem, eine Balance zwischen analoger Welt und Power-User herzustellen. Das heißt, dass ich nicht jede App und jedes Netzwerk brauche, aber…
Meine größte Schwäche, damals wie heute, sind digitale Unterhaltungsmedien. Ohne eine Stunde, äh Training an diversen PC-Spielen komme ich selten ins Bett – Reality-Detox…

Welche digitalen Bereicherungen willst Du nicht mehr missen?

In Echtzeit synchronisierte Kalender. Ein Segen!

Auf welche digitalen Entwicklungen könntest Du verzichten?

In Echtzeit synchronisierte Kalender. Ein Fluch!

Wie bist Du der Leiter der Akademie für Theater und Digitalität geworden?

Diese frühen, prägenden Erfahrungen und der staunende Blick auf das nicht sichtbare Digitale haben sich mit meiner Arbeit als Regisseur zu einem stetig wachsenden Interesse an digitalen Fragestellungen verbunden. Meine Liebe zu Spielen betrifft eben nicht nur das Theaterspiel oder nur die Computerspiele – die Faszination der Erzählungen, aber auch die der Mechaniken, war für mich immer gegeben. Vor über zehn Jahren habe ich dann angefangen, beides zusammen zu denken, wenn sich für mich eine sinnvolle Schnittstelle ergeben hat, wie z.B. in meinen Inszenierungen von „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller oder bei Elfriede Jelineks „Ein Sportstück“.

Seit 2010 bin ich zudem regelmäßiger Gast am Schauspiel Dortmund, und die Fragestellungen, die Kay Voges und sein Team beschäftigt haben, sind auch mir immer gegenwärtig gewesen – unser beider familiärer Hintergrund ist seltsamerweise sehr ähnlich, unsere Suchbewegung in den Mitteln und bei den Vorlagen sehr unterschiedlich; aber die Erweiterung der Möglichkeiten u.a. im Theater und deren Sinnhaftigkeit hat am Ende wieder viel Gemeinsames. Das Interesse an einer koordinierten Professionalisierung, die offene und kuratierte  Forschung über den Dortmunder Rahmen hinaus, die Verbesserung der Kommunikation zwischen ‚Kunst‘ und ‚Technik‘, das Ankommen im Hier und Heute der Möglichkeiten: Das interessiert mich als Regisseur genauso wie als Künstlerischer Leiter. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.

Wie wählst Du die Stoffe für ein/das Digitaltheater aus?

Da ist immer die Frage: Wofür?  Stoffe, die mich als Regisseur interessieren, müssen nicht zwingend auf digitale Möglichkeiten befragt werden. Ein befreundeter Dramaturg hat mich jüngst nach der Berufung an die Akademie als letzten Analog-Dino des Stadttheaters bezeichnet.
Vielen Dank auch an dieser Stelle.
Ich wähle lieber den umgekehrten Weg: Wenn es dem jeweiligen Team notwendig erscheint, digitale Mittel, Techniken, Erzählweisen, Video- oder Audioformate einzusetzen, dann beginnt die Recherche darüber, dann das Einordnen in den Theaterzusammenhang.

Als Künstlerischer Leiter der Akademie stelle ich gemeinsam mit dem Team einen Bezugsrahmen her, der sich von Einzelmeinungen nicht leiten lässt. Auf der Grundlage von Juryentscheidungen kuratieren wir die künstlerisch-technischen Forschungen unserer Stipendiat_innen. Diese Jury kommt von außerhalb der Akademie und ist mit Expert_innen aus den unterschiedlichsten Bereichen besetzt. Dabei planen wir aber noch kein ‚Digitaltheater‘: Der Clou ist ja, dass wir ein halbes Jahr forschen lassen können, ohne dass der Produktionsdruck einer von vornherein kommunizierten Theateraufführung oder eines Spielplans gegeben ist. Wenn dann zeigbare Ergebnisse entstehen, um so besser, aber das entscheidet sich erst im Prozess der Forschung.

Gibt es ein Prinzip, nach dem die digitale Umsetzung im Bühnenraum funktioniert?

Ich würde hier gerne zwischen sichtbar und unsichtbar unterscheiden.
Für ein Publikum unsichtbare Prozesse gibt es ja schon viele, sei es auf der Ebene der Kommunikation der Gewerke untereinander, sei es in der Herstellung der Elemente einer Aufführung oder bei den eingesetzten Apparaten; das alles macht zwar oft im Ablauf einer Aufführung Sinn – und findet sich im Theater bisher nur partiell und definitiv nicht standardisiert -, gehört aber zur Bühnenmechanik, die in den seltensten Fällen offenbar gemacht wird.
Auf der Ebene der sichtbaren Mittel, also z.B. Hologramme auf einer Bühne, die in Interaktion mit dem realen Theatergeschehen treten, sind wir ja ganz am Anfang. Viele Künstler_innen und Gruppen experimentieren in dem Feld, und bringen auch sehr spannende Formate zustande. Wie es sich weiterentwickeln wird: Wer weiß!
Ich für mich möchte es recht altmodisch formulieren: Bei den Darstellenden Künsten sollten sich die Mittel, ganz gleich ob analog oder digital, immer um das Thema, um die Menschen gruppieren, nicht umgekehrt.

Wie geht ihr mit der ethischen Debatte des „Entzauberns“ oder dem „Verrat am Theater“ um, die in Bezug auf digitale Bühnenformate aufkommt oder gibt es diese Debatte nicht mehr?

Die Warnungen, sich nicht zum Spielball einer technikverliebten Elite machen zu lassen oder der Digitalisierung Arbeitsplätze zu opfern oder den digitalen Möglichkeiten den Zugriff auf künstlerische Entscheidungen zu gewähren, hören wir schon. Es ist ein wenig wie in der vorherigen Frage: Angemessen abwägen und reagieren hat noch nie geschadet.
Dazu ist es vielleicht ganz gut, an Orten wie der Akademie die Möglichkeiten neuester Technik erproben – und im Zweifel auch verwerfen – zu können.

Andererseits, wenn wir die technischen Entwicklungen im Theater in längeren Zeiteinheiten betrachten, dann gibt es inzwischen kaum noch Kritik an geschlossenen Theaterbauten, elektrischem Licht, einer funktionierenden Bühnenmaschinerie oder dem Spielen bei abgedunkeltem Saal – Theater bedeutet Veränderung, oft auch Faszination am Dargebrachten, und seit jeher möchte ein Publikum mit den Mitteln und Diskussionen seiner Zeit konfrontiert werden. Wenn die Kunst als Sinnbild des Lebens erhalten bleibt, wird sie relevant bleiben. Was nichts taugt, hat im Theater noch nie lange überlebt. Wir sollten uns Zeit lassen.

Wie sieht für Dich das Theater der Zukunft aus?

Bewegt.

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter im Musik- und Sprechtheater und ist seit 2019 Künstlerischer Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Seine Schwerpunkte sind Klassiker-Umsetzungen sowie zahlreiche Ur- und Erstaufführungen u.a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, Nationaltheater Mannheim, an den Staatstheatern in Kassel, Mainz, Saarbrücken, Darmstadt und Braunschweig, am Schauspiel Dortmund, den Wuppertaler Bühnen, am Theater Freiburg, u.v.m. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist Lobbes auch in der Lehre tätig, u.a. als Gastdozent und Sprecher an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, dem Salzburger Mozarteum, der Universität Rostock, der Hochschule Mainz, der Kunstuniversität Graz und der Robert Schumann Musikhochschule in Düsseldorf.

Mehr Infos über Marcus‘ Arbeit an der Akademie oder seine Regiearbeiten gibts auf den Homepages.

Foto:  Susanne Diesner

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