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Sina Martens, wie digital ist die Kunst?

Heute geht es mal wieder um die Frage wie digital ist die Kunst, vielmehr das Theater?

Heute geht es mal wieder um die Frage wie digital ist die Kunst, vielmehr das Theater?


Dafür bin ich nach Dortmund gedüst und habe mir Die Parallelwelt vom Regisseur und Intendant Kay Voges angeschaut. Als erstes deutschsprachiges Theater versucht der Regisseur das Theater durch digitale Möglichkeiten zu erweitern und zu bereichern.

Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.
Quelle: Berliner Ensemble

Nachtkritik schreibt:
„Was aber bedeutet Vernetzung, Digitalisierung und Quantenphysik für das Theater, das immer noch als Ort gilt, in dem Menschen Raum und Zeit miteinander teilen? Lässt sich dieser Raum mit Hilfe digitaler Medien erweitern, in eine andere Stadt, ein anderes Theater zum Beispiel? Wie kann man erzählen, wenn die Kontinuität von Raum und Zeit aufgehoben ist?“

Das Erlebnis war einmalig. Genauer gesagt, ist es zweimalig, denn es lief ja gleichzeitig in Berlin 😉 Und hat meine Neugierde nach Beschäftigung mit der Digitalität im Theaterraum verstärkt und bestätigt.
Dass zwei Ensembles an zwei Theatern chorisch einen Text sprechen, tatsächliche Spielpartner sein können und wir den Livestream als Erweiterung des Raumes, den wir physisch erleben, empfinden, ist mehr, als ich im Vorfeld erhofft hatte. Außerdem bewundere ich den Mut, den das Team hat, sich diesen auch unangenehmen Fragen seitens des Publikums aber auch der Kollegen zu stellen. Da geht es um Verrat am Medium Theater, da kommen Vorwürfe der Kommerzialisierung oder schlicht das Anprangern einer Mode, die sich für die Bretter, die die Welt bedeuten, nicht einlösen wird.

Wie aber fühlt sich so ein Theaterabend aus der Sicht eines der Darsteller an?

Deshalb habe ich die Schauspielerin SINA MARTENS vom Berliner Ensemble befragt:

Wie lange bist Du schon Schauspielerin?

Ein knappes Jahrzehnt.

Was fasziniert Dich an diesem Beruf am meisten?

Die Aufgabe als Schauspielerin, sich als eine Art Stellvertreterin der Zuschauer zu verstehen, die in den geschützten Räumen Film und Theater Dinge ausloten kann, die im Realen – manchmal zum Glück – nicht ausgelebt werden können. Und auch sich immer wieder neuen Themen und Menschen zu stellen, begleitet von der Suche nach der Darstellung von Welten und Figuren. Im besten Fall finde und entdecke ich etwas, sonst suche ich weiter.

Was bedeutet für Dich Digitalisierung?

Ich persönlich bin eine große Freundin des Analogen. Ich mag es Briefe zu schreiben, Platten zu hören, haptische Bücher zu lesen oder im Theater Schauspielern zuzusehen – ohne Mikrofon! Die Digitalisierung ist dennoch ein wesentlicher Bestandteil des 21. Jahrhunderts und der heutigen Gesellschaft. In allererster Linie ist sie eine Summe von Technologien und ich finde, ich sollte ihr nicht ohnmächtig gegenüber stehen, nach dem Motto „jetzt ist sie da“, sondern mir die Frage stellen, wie ich sie am besten einsetzen kann für eine nachhaltige Welt. Das kann eine Chance sein in vielen Bereichen, ohne das Analoge aufzugeben.

Als eine der Protagonisten in der Parallelwelt hast Du eine Doppelgängerin in Dortmund. Wie war das für Dich?

Das war und ist eine sehr besondere Erfahrung. Die eigenen Sätze aus dem Mund einer anderen zu hören, gleiche Bewegungen zu vollziehen. Und plötzlich denke ich völlig neu über das Wort Individualismus nach. Hannah Arendt schreibt in einem Ihrer Bücher über die Erfahrung, als ihr bewusst wurde, dass sie nicht ihre Einzigartigkeit betonen muss, sondern sich ihre eigene Persönlichkeit nur entwickeln kann, wenn sie sich öffnet, sich aussetzt, mit anderen in einer gemeinsamen Welt: „Ich möchte ein Mensch unter Menschen werden.Das, was unser Ich ausmacht, schaut uns sozusagen über die Schulter. Wir können es selbst nicht sehen, wohl aber unser Gegenüber, das uns wie ein Spiegel hilft, uns zu erkennen. Und das gilt auch umgekehrt, so dass sich ein Zwischenraum bildet, ein Raum des Gesprächs, des gemeinsamen Handelns, ein Raum, in dem wir uns gegenseitig erfahren. Unser Menschsein, unsere Identität, lässt sich nicht im abgeschlossenen Raum des eigenen Ichs finden, sondern entwickelt sich erst in der Begegnung mit anderen Menschen. Das Fremde, das mir in anderen Menschen begegnet, ist somit keine Bedrohung, sondern die Chance, mich zu erweitern, einen gefährlichen Egoismus zu überwinden.“

Wie hast Du reagiert als Du vom Konzept der Parallelwelt erfahren hast?

Mit gleichzeitiger Neugierde und Skepsis. Ein solches Konzept ist mir bekannt aus Science Fiction Filmen. Aber dass es für die Theaterbühne funktionieren kann, hat mich doch überrascht.

Was gefällt Dir am Umgang von Kay Voges mit den digitalen Möglichkeiten in seiner Inszenierung?

Kay Voges ist ein sehr offener, begeisterungsfähiger Mensch, der an das Theater glaubt und dafür brennt. Es ist großartig, wie er sich zusammen mit seinem Team den Möglichkeiten des Digitalen im Theater stellt. Er sucht nach einer Verbindung zwischen dem zweidimensionalen Raum und dem Live Erlebnis des Theaters und im Grunde sogar nach einem mehrdimensionalen Raum. Das finde ich in der Parallelwelt sehr gelungen.

Wieviel Digitalität verträgt ein Theaterstoff?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Das hängt von sehr vielen Faktoren wie Inhalt, Stück, Bühne, Regie, Bühnenbild, Kostüm, etc. aber vor allem der Geschichte, die wir erzählen wollen, ab.

Wo siehst Du Gefahren für das Medium Theater?

Ich sehe durchaus die Gefahr, dass das reine Spiel verschwindet und die Zuschauer eine leere Bühne nicht mehr ertragen können, weil sich die Sehgewohnheiten derart ändern.

Wie digital bist Du?

Ich besitze ein Smartphone und kann mit diesem durchaus Handy Tickets buchen. Beim Einfügen von Gifs in Insta Stories brauche ich aber Hilfe. Und ich muss mich darin andauernd redaktionell denken. Das finde ich anstrengend und anregend zugleich.

Was stört Dich am Zeitalter der Digitalisierung und worauf könntest Du gern verzichten?

Im Kleinen: Smartphones auf dem Tisch beim Abendessen und im Großen: Das jeder sich für einen Händler hält, der „die Wahl“ der Ware hat. Dabei sind wir alle darin nur die Ware.

Sina Martens
Sina Martens studiert Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater ‘Felix Mendelssohn Bartholdy’ in Leipzig. Bereits während des Studiums kommt es zu Zusammenarbeiten mit Regisseuren, die das Gegenwartstheater im Wesentlichen beeinflussen, darunter Armin Petras, Hans-Werner Kroesinger, Rainald Grebe, Sebastian Hartmann und Ulrich Rasche. Bevor Oliver Reese auf die Schauspielerin aufmerksam wird und sie ans Schauspiel Frankfurt, und dem folgend ans Berliner Ensemble engagiert, wo sie Hauptrollen in den Inszenierungen von Bernadette Sonnenbichler, Frank Castorf und Michael Thalheimer übernimmt. Sie wird mehrfach für ihre besondere und herausragende schauspielerische Leistung gewürdigt, unter anderem mit dem Förderpreis des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie dem des Internationalen Forums des Berliner Theatertreffen, und von der Fachzeitschrift ‘Theater heute’ zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gewählt. Sina Martens arbeitet im Film und Theater sehr detailliert und mit einer hohen Präzision ihrer schauspielerischen Mittel. Dabei erfasst sie feingliedrig und sensibel die Unmittelbarkeit und das Fremde eines Menschen. Regisseure und Regisseurinnen schätzen die Glaubwürdigkeit ihres Spiels, das auch die Mehrdeutigkeit eines Menschen sowie seiner Geheimnisse zulässt.

Die Parallelwelt wird noch gespielt. Hier sind die Termine für Dortmund und Berlin.
Unbedingt hingehen und angucken- es ist ein bilderstürmerisches Theatererlebnis, das den Blick auf das Theatergeschehen nachhaltig verändert.

Danke an Sina Martens, an Jozo Juric und Kay Voges.

Foto: René Fietzek

Über Helene

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