FemFriday mit Sabine Schweitzer

Am FemFriday interviewe ich jeden Freitag eine Frau in der Kunst.
Heute ist es Sabine Schweitzer.

Sabine studierte Opernregie an der Musikhochschule sowie Theaterwissenschaften und Nordische Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie zunächst als Regieassistentin, dann als Spielleiterin und Regisseurin an den Theatern Bremen, Freiburg und Dortmund.
Anschließend war sie in der Künstlerischen Leitung verschiedener Festivals wie der Duisburger Akzente und des Schubert-Festivals tätig.

Von 2005 – 2013 war sie als Künstlerische Betriebsdirektorin und Geschäftsführendes Mitglied der Operndirektion am Nationaltheater Mannheim engagiert.
Seit der Spielzeit 2013/14 ist Sabine Operndirektorin am Theater Bielefeld.
Neben dieser Position hat sie auch die Künstlerische Betriebsdirektion übernommen.

Wie kamst Du zum Beruf Operndirektorin?

Mein Großvater war Dirigent, das legte den Grundstein für die Liebe zur klassischen Musik und besonders der Oper. Nach meinem Diplom an der MHS München – Opernregie – habe ich zuerst als Regieassistentin und dann als freischaffende Regisseurin gearbeitet. Mit diesem „freischaffend“ kam ich nicht wirklich klar. Ich bin gern in einer Struktur und mag Kontinuität. Nach einer kurzen suchenden Phase mit Jobs im Festival-Management habe ich dann unvermutet eine Stelle als Leiterin des KBB am Theater Bielefeld angeboten bekommen. Ich war nicht euphorisch, aber zumindest der künstlerisch-organisatorische Teil kam ja dem Job der Regieassistentin nahe. Als der amtierende Künstlerische Betriebsdirektor kurz danach das Haus überraschend verließ, bekam ich von der Intendantin die Riesenchance, diesen Posten zu übernehmen.
Das Gefühl, dieses Vertrauen zu bekommen, war überwältigend. In meiner Zeit am Nationaltheater Mannheim 2005-2013 war ich zudem als geschäftsführendes Mitglied der Operndirektion engagiert.

Ich liebe alle Sparten des Theaters, aber der Schwerpunkt meiner Arbeit war durch gewisse Konstellationen immer das Musiktheater. Und da ich aus einem kreativen Beruf komme, war es folgerichtig, selber im Gestaltungsprozess bleiben zu wollen. Operndirektion ist genau mein Job. Besondere Freude macht mir dabei, junge Sänger°Innen und Regisseur°Innen auf ihrem Weg unterstützend zu begleiten – also das, was mir selber als junger Regisseurin fehlte.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Ich möchte zwei nennen:

Als ich das erste Mal als frisch ernannte Künstlerische Betriebsdirektorin des Theater Bielefeld in einer Vorstellung auf meinem Dienstplatz (!) saß und dachte:
Jetzt habe ich die volle Verantwortung für alles, was hier passiert.

Und an den Moment Jahre zuvor, als wir mit meiner Inszenierung von Miss Donnithorne´s Maggot (und Eight Songs for a Mad King), bei der das Publikum ins Bühnengeschehen integriert war als an der Hochzeitstafel Sitzende, die die mutig dargestellten auch sexuellen Neurosen der Titelfigur aus nächster Nähe miterlebten, in Taschkent / Usbekistan gastiert haben. Die Aufführung fand statt mit einem Publikum, unter dem sich viele traditionell gekleidete Männer befanden. Wir machten uns Sorgen, dass wir zu offensiv waren und die spannungsgeladene Stille direkt nach dem Schlußton war atemberaubend. Dann brandete tosender Applaus für das gesamte Team auf. Der Mut zu bedingungslos künstlerischer Umsetzung des Werkes hatte (vielleicht nur gefühlte?) kulturelle Schranken eingerissen. Und dann erhielten wir auch noch den 1. Preis des Festivals für diese Aufführung. Waren wir glücklich!

Wie kommt es, dass im Jahr 2018 noch immer mehr Männer in Führungspositionen am Theater sind?

Ich glaube, dass wir Frauen im Allgemeinen (im Besonderen ist das sicher nicht immer so) viel mehr auf Teamwork setzen und dadurch auch Lücken öffnen für männliche Karriere-Player. Die gehen oft äußerst stringent und auf sich konzentriert vor. Wir Frauen hingegen neigen dazu, unseren Berufsweg dahingehend zu lenken, in welchen Zusammenhängen, mit welchen Menschen wir besonders glückhaft arbeiten können. Und natürlich ist es immer noch extrem schwierig, Beruf und eigene Kinder zu verbinden.

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?

Den Anspruch, Quote zu machen, egal auf welchem Gebiet.

Wenn Du mir die Frage stellen würdest, was ich gerne im Berufsalltag ändern würde in Bezug auf den Vergleich zwischen Männer und Frauen: Es macht mich wütend und traurig, dass Führungsqualitäten so unterschiedlich in die Waagschale gelegt werden. Wenn ein Mann keine hat, dann heißt es oft “Ja, ist nicht so toll, aber bedenke, er ist doch ein guter … (Berufsbezeichnung). Sei einfach ein bisschen einfühlsam, hole ihn da ab, wo er steht. Mit ein bisschen Diplomatie …“ Einer Frau lässt man schwache Führungseigenschaften nicht durchgehen, sie beherrscht einfach ihren Job nicht. Und bei klarer Führungshaltung wird eine Frau schnell als „Zicke“ bewertet, während einem Mann Führungsstärke positiv attestiert wird. Ist er ein „Macho“, wird das gerne mal nachsichtig lächelnd akzeptiert oder gar als führungssicher eingestuft.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

In gar keinem. Warum auch? Oder doch: bei Gehaltsverhandlungen vielleicht?

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

… das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass wir immer noch weit entfernt davon sind, überall Frauen als gleichwertige Partner zu verstehen und in verantwortlichen Positionen zu fördern. Und daran zu erinnern, dass es leider immer noch genügend Männer gibt, die keine Frauen auf Augenhöhe ertragen. (Glücklicherweise gibt es auch die anderen.)
Aber an sich bin ich keine Quotenfreundin. Sie wäre auch nicht nötig, wenn es nach sachlichen und gleichermaßen angelegten Kriterien für alle ginge.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Gute Arbeit machen. Und dann auch mal darüber reden. Ich mag weder das „Ihr müsst einfach besser sein als die Männer“- noch das „Wir sind ja eigentlich viel besser als die Männer, es merkt nur keiner“-Gerede. Wir alle sind Individuen mit unterschiedlichen Fähigkeiten. Die passenden Menschen für eine gute Arbeitsstruktur zusammen zu bringen, ist eine vornehme Aufgabe. Dabei sollten wir Frauen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen – und im Umkehrschluss auch nicht dem Irrtum erliegen, beim Beschreiten des Berufswegs „wie Männer“ sein zu müssen.
Wir sollten uns auch nicht alles bieten lassen, nur weil wir Frauen sind (s. z.B. 4.), wir müssen nicht für alles Verständnis haben.

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben?

Neben dem oben Gesagten: Versteht Euch untereinander als Partnerinnen – unterstützt Euch gegenseitig statt in verhärtete Konkurrenz zu treten. Gebt nicht Eure Individualität auf. Sondern nutzt Eure besonderen Fähigkeiten!
Und vergesst dabei nicht: Männer und Frauen müssen sich nicht verstellen, um auf Augenhöhe gut zusammen arbeiten zu können.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Äh … Das ist schwierig. Lieber drei Eigenschaften, die mein Berufsleben prägen. Hier ein Versuch: Voll Liebe und Enthusiasmus für diesen Beruf und seine Menschen. Verantwortungs- und pflichtbewusst. Ziemlich zornig über die Notwendigkeit, immer wieder beweisen zu müssen, dass ich Sachverstand besitze, den ich längst bewiesen habe. (Eine vierte – darf ich?: immer offen, zu lernen und den Horizont zu erweitern!)

Hast Du eine Lieblingsoper, wenn ja, welche ist das?

Es gibt sehr viele Opern, die ich mag. Besonders liebe ich aber diejenigen, die gerade „in Arbeit“ sind, die von besonderen menschlichen Schicksalen erzählen und die eine stringente und berührende Umsetzung durch das jeweilige Leitungsteam finden.

Dein Lieblingszitat?

Als Operndirektorin: Es wächst der Mut bei jedem Blick auf die Größe des Unternehmens. (Seneca)

Um wieder lachen zu können, wenn alles schief zu laufen scheint: Zum Schluss auf den Trümmern großes Ballett! (aus Capriccio)

Und als Hobby-Musikerin: Üben ist ein Akt der Hoffnung. (War das John Lennon?)

Was liest Du derzeit?

Nach den Büchern von Kristine Bilkau war es gerade Judith Hermanns Letti Park. Ich bin eher eine Freundin der großen Form, aber Judith Hermann fesselt mich seit Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster immer wieder. Und dann habe ich schon in Mittagsstunde von Dörthe Hansen hineingelesen. Sie erzählt sehr berührend von den strukturellen Veränderungen auf dem Land und deren Auswirkungen auf die dort lebenden Menschen. Zudem blättere ich immer wieder sehr gerne in dem Band Lost Places von Mike Vogler. Verlassene und verfallende Gebäude faszinieren mich enorm!

Alle weiteren Infos über Sabine findet ihr auf Facebook oder am Theater Bielefeld.

Quelle: Theater Bielefeld
Foto: privat

 

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