FemFriday mit Lisa Sommerfeldt

Heute stelle ich euch im #femfriday-Interview die Autorin und Schauspielerin Lisa Sommerfeldt vor.
Seid gespannt wie sie meine Fragen beantwortet.

Lisa Sommerfeldt wurde in München geboren. Nach dem Abitur studierte sie zunächst neuere deutsche Literatur, Geschichte und Philosophie in Berlin und München, bevor sie von 1998 bis 2002 ihre Schauspielausbildung an der Folkwang Hochschule in Essen absolvierte und mit Diplom abschloss.
Sie war als Schauspielerin unter anderem am Staatschauspiel Stuttgart und am Stadttheater Osnabrück engagiert und spielte in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen.
Als Sprecherin arbeitete sie für die WDR-Hörfunksender, den NDR, die Deutsche Welle und den Bayerischen Rundfunk.
Lisa Sommerfeldt schreibt Theaterstücke, Hörspiele und Prosa. Zahlreiche Auftragsarbeiten für Theater, zuletzt “Dorfdisco” für die Kulturstiftung von Landestheater Eisenach und Staatstheater Meiningen. Für ihren Stückentwurf „der dunkle Vogel“ erhielt sie 2016 das Projektstipendium des „Kinder- und Jugendtheaterpreises Baden-Württemberg“ in Kooperation mit dem Theater Ulm.
2017 war Lisa Sommerfeldt Stipendiatin der Stiftung Rheinland-Pfalz. Im Januar 2018 wurden ihre zwei Kurzgeschichten „Der Augenblick“ und „Cinderella Paraphrase“ vom Radiosender WDR/1 live gesendet.
2018/19 ist Lisa Sommerfeldt Stipendiatin des 1:1 Mentoring der NRW Literaturbüros.
Derzeit schreibt Lisa an ihrem ersten Kurzgeschichtenband „schlaglichter.europa“.

 

Wie kamst Du zu deinem heutigen Beruf?

Als ich letztens umgezogen bin, hab ich in meinem Schreibtisch Erzählungen gefunden, die hab ich mit sieben Jahren geschrieben. Schreiben war für mich schon immer eine Form des Überlebens in einer mir unverständlichen Welt.

An welchen Moment deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Ich war für meinen ersten Preis als Autorin nominiert, kam ans Theater und in die Dramaturgie. Und die erste Frage, die mir gestellt wurde war, wie ich das Konzept des Theaters finde. Ich bin fast vom Stuhl gefallen, das hatte mich als Schauspielerin nie jemand gefragt. Und da wusste ich: das interessiert mich, hier bin ich richtig.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht in der Theaterbranche bei der Geschlechterbesetzung?

Ich finde das Ungleichgewicht unerträglich und es nervt mich extrem, dass wir 2018 Stücke zählen müssen, um das Ungleichgewicht zu beweisen. Es wird verleugnet, was ganz besonders perfide ist. Gegen offene Diskriminierung kann man sich wehren. Wenn aber Frauen scheinbar gleiche Chancen haben und trotzdem nicht in den Spielplänen vorkommen, dann muss es kollektives persönliches Versagen sein.
Die Frauen kommen in den Spielplänen nicht vor und sollen daran auch noch selbst schuld sein. Ich kann auch nicht verstehen, wie man Castorfs Äußerungen als sympathische Provokation abtun kann: hätte er sich so über Juden, Geflüchtete oder Homosexuelle geäußert, hätte es zurecht einen Aufschrei gegeben, er wäre eine persona non grata geworden. Aber über Frauen darf man so reden? Nein!
Und ich denke auch nicht, dass Frauen sich unter Druck setzen lassen sollten, jetzt nur noch Geniestreiche abliefern zu müssen: auch sie dürfen sich entwickeln und ausprobieren. Das wird Männern im Theater auch zugestanden.

Du bist Mutter von drei Kindern. Ist es heute eine größere Herausforderung Töchter großzuziehen oder Söhne?

Ich finde beides eine große Herausforderung. Meinen Söhnen muss ich mehr ihre Grenzen aufzeigen, meine Tochter ermuntern, ihre selbst empfundenen Grenzen zu überschreiten. Erziehung ist Kommunikation. Ich selbst muss ständig wachsen, um meine Kinder zu erziehen. Sie merken sehr genau, was echt ist. Für meine Söhne musste ich lernen, mit ihnen zu kämpfen. Und ich musste lernen, die Kinder Erfahrungen machen zu lassen, sie nicht immer zu beschützen.

Was gibst Du deinen Kindern mit auf den Weg bei ihrer Berufswahl?

Nichts! Sie sollen machen, was sie wollen. Egal für was sie sich entscheiden: ich werde sie unterstützen. Denn wenn man seine Arbeit liebt, ist das ein großes Geschenk.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

Ich bin sehr gern eine Frau. Und ich halte Frauen für absolut gleich befähigt wie Männer. Absurd, das 2018 betonen zu müssen. Ich würde mir wünschen, dass es für meinen Beruf unerheblich wäre, was ich für ein Geschlecht habe.
Frauen sollten per Gesetz gleich bezahlt werden müssen wie Männer. Es gibt allerdings einen Moment, der mich besonders ärgert: mein wahrscheinlich provokativstes Stück „schlammzeiten“ wurde bisher nur szenisch gelesen, aber nie uraufgeführt. Mir wurde gesagt, ich müßte mir dafür ein männliches Pseudonym zulegen, dann würde es gespielt werden.
Auf die Idee bin ich nie gekommen, dass  mir als Frau wohl nicht zugestanden wird, solche Stücke zu schreiben. Wenn das so ist, ist das ein Skandal und Zensur von Weiblichkeit. Und natürlich werde ich kein männliches Pseudonym annehmen. Ich will dieses Stück unter meinem Namen, unter weiblicher Autorschaft gespielt wissen.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz.

Ich bin für die Frauenquote, ab sofort. Sonst werden wir in zwanzig Jahren immer noch Stücke und Inszenierungen zählen. Durch Lippenbekenntnisse wird sich nichts ändern. Und ich würde ein gleichberechtigtes Theater gern noch persönlich erleben.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Der Blick muss sich ändern, nicht die Frauen. Was konnten die Frauen tun, um die Wahrnehmung auf sie zu ändern, damit sie das Wahlrecht  bekamen?
Sie haben sich an Eisenbahnschienen gekettet. Das hat nichts mit einer intelektuellen politischen Befähigung zu tun. Es geht schlicht darum, sich durchzusetzen und vor allem, sich nicht verarschen zu lassen. Die Frauen müssen lauter werden. Ich sehe um mich viele Frauen, die großartige Arbeit leisten. Das sollte jetzt gesehen, gefördert und gewürdigt werden. In der Kunst ist vieles nicht vollends objektivierbar und ich finde viele der derzeit gehypten Dramentexte und jungen Regisseure nicht gut.
Das betrifft Texte und Inszenierungen aller Geschlechter. Genauso gibt es vieles, was ich großartig finde. Auch von allen Geschlechtern. Viele Dramentexte von Frauen kann ich allerdings nicht wirklich für mich einordnen, weil ich sie nie inszeniert gesehen habe. Das ist unverzeihlich und hier sollten die Theater ihre Verantwortung auch wahrnehmen: der beste Dramentext ist nicht unbedingt der, der sich auf dem Sofa am besten liest. Deshalb müssen Dramentexte gespielt werden. Das fehlt mir im Moment sowieso an den Theatern: die Förderung und auch die Liebe zur dramatischen Sprache. Die Textflächen versuppen, das Publikum wird berieselt, belehrt und ich schalte ab.
Die Sprache hat keine Kraft auf der Bühne, weil es keine dramatische Sprache ist, man könnte genauso gut ein Telefonbuch aufsagen. Das sind Texte, die gelesen gut sind, aber sich nicht für die Bühne eignen.
Aber zurück zu unserem Thema: Ich kann nicht erkennen, wo Männer grundsätzlich besser wären als Frauen. Es ist alles da. Die Frauen dürfen darauf vertrauen und es darf ihnen vertraut werden. Und dabei sollten keine Worte, sondern Taten zählen.
Und nur den Taten sollten die Frauen glauben. Deshalb müssen wir die Quote einfordern!

Was liest Du derzeit?

Lucia Berlin, Thomas Melle, Sasha Marianna Salzmann, Julia Wolf.

Welches ist dein liebster Theaterstoff?

Hedda Gabler. Sarah Kane: Zerbombt. Fritz Kater: Kiss me dragonfly.
Tracy Letts: Mary Page Marlowe.

 

Wer mehr über Lisa erfahren möchte, findet sie auf  Facebook, twitter und Instagram. Und ihr solltet unbedingt mal auf www.lisa-sommerfeldt.de vorbeischauen.

Außerdem könnt ihr einen von Lisas Texten ON AIR erleben!
DORFDISCO, das Hörspiel, am 11.11.2018 um 19 Uhr auf WDR3 und am 12.11. um 23 Uhr auf 1live – danach in der WDR Hörspielmediathek.

Foto: Janine Guldener

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