OH OSNABRÜCK!

O wie Osnabrück, O wie Oper und O wie Onewomentrip.

Naja, letzteres klingt sehr konstruiert aber ich brauchte ein drittes O. Alle guten Dinge sind drei.
Alle guten Dinge sind mir bei meinem Kurztrip nach Osnabrück begegnet. O wie optimal!
Anlass meiner Reise war die Premiere einer Kollegin und tollen Frau. Andrea Schwalbach inszenierte am Theater Osnabrück, ein nicht ganz unaufwendiges Werk von Ferruccio Busoni: Doktor Faust. Auf nach Osnabrück.

Faust, schlag ein!

Uns allen ist er bekannt, der gute Faust. Wie er über die Geheimnisse von Schönheit und Unsterblichkeit und über die eigene, ganz subjektive Schuld sinniert. Sein ewiges Streben nach Wissen und Moral machen ihn zu einem ewig umtriebigen Geist unserer Kultur.

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Foto: Jörg Landsberg

In Osnabrück erleben wir ihn sehr deutsch und schnörkellos. Wenig vom schöngeistigen Gedanken „habe nun ach…“ sondern menschlich und erschreckend normal.
Wie du und ich.
So stirbt er nach knapp 2,5 Stunden spannenster Musik* am Theater Osnabrück. Schnörkellos. Kein tragisch klassischer Opern-Tod mit großen Gesten und Gekeuche. Menschlich.
Fast mitten im Streitgespräch mit seinem ständigen Begleiter, Freund und Henker Mephisto, klappt plötzlich sein Kopf in den Nacken und beendet ist der Spuk.
Spuk trifft es. Schräge Typen, übergroße Puppenköpfe tummeln sich im mystischen Licht unter Glitzerkonfetti auf der Bühne.

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Foto: Jörg Landsberg

Und trotz einer großen Frauenpartie, einem toten Gretchen und einem bezaubernden kleinen Mädchen, bleibt es ein Männerabend. Vielleicht sogar ein Männerabend wie er im Buche steht. Da wird gegrölt und getobt, geschimpft und gesoffen.
Und doch bleibt die Feierei ein Moment der Täuschung. Ein Konstrukt, der über die Vergänglichkeit hinwegtäuschen soll. Über die Abwesenheit von Glück. Oder die Fähigkeit glücklich werden zu können.
Oder aber ein Moment, der die Angst vorm Bösen verschleiert. Das Böse, dass wie wir merken müssen, alle in uns tragen.

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Foto: Jörg Landsberg

 

Die Faustregel


Im Interview sagt die Regisseurin Andrea Schwalbach, es sei „faustisch“ wenn wir uns über die Moral erheben um Wissen zu erlangen. Also Bekanntes hinterfragen, überprüfen und vielleicht Gesetze brechen mindestens überdenken.

Doch gerade die Frage nach Moral und Schuld beschäftigt den verzagten Faust sehr. Kann man die Schuld sühnen indem man eine gute Tat begeht?
Frei nach Shakespeare „Dem traue nie, der einmal Treue brach!“
Ist ein schuldiger Mensch für immer ein schuldiger Mensch?

Ein Schuldbekenntnis ist doch gleichzeitig das Scheitern des Ichs. Die Anerkennung der eigenen Fehlbarkeit.

„Was im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, ich bin fehlbar, daran ist nichts zu ändern und darum darf ich alles!“  Regisseurin Andrea Schwalbach.

Und doch bleibt Faust nichts als der Tod. Ob Mephisto ihn auf dem Gewissen hat oder sein Gewissen, das bleibt bei mir. Mephisto schließt den Abend mit „Ihr Männer und Frauen, lasst euch sagen, das Wetter hat umgeschlagen (…)“ und verlässt die Bühne. Der leblose Körper von Faust bleibt zurück. Bleibt Hülle und Projektionsfläche.
Für unser eigenes Ende. Wir bekommen keins präsentiert. Wir bekommen keins geschenkt. Was uns bleibt ist unser ganz Eigenes. Was? Seht selbst.

„Was ich zeigen möchte mit diesem Stück: Alles ist menschgemacht und an allem Handeln tragen wir, wenn wir es aus freiem Willen heraus tun, eine Verantwortung. Faust wünscht sich das Dunkle, das Verbotene herbei, und er bekommt es, aber in Menschengestalt, dazu braucht es kein Zauberbuch, keine Alchemie, es reicht sein Wunsch, seine Bereitschaft, um dann mit Hilfe von etwas, was Mephisto ist (ein Teil seiner Selbst? Seine Liebe?), wahrhaft monströse Taten zu begehen. Aber das kennen wir doch zu gut, dass aus Dingen die gut gedacht waren, etwas Böses erwächst.“
Andrea Schwalbach

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Foto: Jörg Landsberg

Danke für einen tollen Theaterabend, danke für die freundliche Zusammenarbeit mit der Presseabteilung des Theater Osnabrück.
Danke an das Bergmann Boardinghouse Osnabrück für mein feines kleines Zimmer. Ich komme gern wieder.

Szenenfotos: Foto: Jörg Landsberg, Theater Osnabrück

*(Ferruccio Busoni italienischer Komponist 1866-1924)

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Ein Gedanke zu “OH OSNABRÜCK!

  1. Danke für den schönen Text Helene, es war ein solcher Kraftakt dieses Mamutwerk auf die Bühne zu bringen, aber wir waren alle so sehr davon überzeugt das es dieses Stück verdient hat das wir noch einmal unser Bestes geben am Ende der Spielzeit. Es hat sich gelohnt. Schön dich dabei gehabt zu haben.

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