Herbstgedanken

Helenes Herbstherzchen

Unsere zauberhafte Kolumnistin schreibt über die nächsten Monate mit kalten Kinderfüßen, Cordhosen, Rotwein und Henry Mancini.

Jeden Morgen klettert erst ein kleines Würmchen in mein Bett, kurz danach die Sonnenstrahlen durch das Rollo am Fenster. Kleine nackte und vor allem kalte Kinderfüße berühren mich an meinem noch warmen Bein. Mein Töchterlein kichert unter der Bettdecke, während ich sie an mich drücke. Auch wenn die Füße kalt und der Körper zappelig sind, durchströmt mich warmes Glück.

Es ist eine spezielle Jahreszeit, bevor die ersten Blätter fallen, in der man den Wechsel der Jahreszeiten spürt. Die Luft ist frisch, der Sommer dahin, es braucht eine Decke auf dem Bett.

Es ist Herbst. Schleichend und doch abrupt war der Sommer vorbei. Mein Sommer war kurz; erst der Umzug und dann eine Inszenierung an der Nordsee, wo ich zwar Meer, aber kaum Hitze gesehen habe, wenn ich mal nicht im Theater steckte.

Vor allem meine Töchter haben es noch nicht verinnerlicht. Jeden Morgen diskutieren wir über Strumpfhosen und Pullover. Bloß keine Strickjacke, bloß keine Stiefeletten.

Manchmal ertappe ich die Große, wie sie an meinem Handy fingert, um die Höchstemperaturen in der Wetter-App zu studieren. „Sind 15 Grad warm Mama?“ Ich schüttele den Kopf und halte eine Jeansjacke hin.

Auch wenn ich es manchmal schön finde, abends die Heizung hoch zu drehen, sehne ich mich nach der Leichtigkeit des Sommers. Leicht im Kopf und in der Kleidung. Als würde der Ernst des Lebens einziehen, vor dem wir es erfolgreiche fünf Monate schafften, uns zu verstecken. Dunkle Wolken ziehen auf, nicht nur am politischen Himmel wird es dunkel von rechts.

Die Tage werden kürzer und die Nächte kälter. Die erste Kastanienernte liegt hinter uns, die rotbraunen Blätter vom Waldspaziergang werden im Buch gepresst und auf Wachsmalgemälde gepinnt.

Ich freue mich auf Schals und Mützen, Cordhosen und Strickpullis, auf die ruhigeren Abende mit Rotwein und den besten Kaltwetter-Gerichten wie Chili con Carne oder Boeuf Bourguignon, dazu lausche ich Henry Mancini und schaue Carrie und Big beim Tänzchen im roten Wohnzimmer zu. Hach…

Vielleicht ist es auch die spezielle Besinnlichkeit, die entsteht, wenn man auf das fast verstrichene Jahr blickt. Nicht umsonst heißt es der „Herbst des Lebens“. Freuen wir uns über die Herbstsonne, so wohltuend wunderbar. Auf Maronensuppe, Schokokekse und einen Sonntag im goldgelben Wald.

Marie Helene Anschütz / 28.09.17 in der Thüringer Allgemeinen Zeitung

 

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