FemFriday mit Silvia Follmann

Endlich gehts mit dem #femfriday weiter. Heute darf ich Euch die Autorin von A SINGLE WOMAN, Silvia Follmann vorstellen.

Silvia Follmann. geboren 1986 in Freiburg, studierte Germanistik und Literaturwissenschaften in Bonn und Berlin. Sie ist derzeit Redaktionsleiterin beim Online-Magazin EDITION F und hat zuvor als freie Autorin für verschiedene Magazine, unter anderem für das Missy Magazin, geschrieben.
Im März erschien ihr erstes Buch A Single Woman im Goldmann Verlag.

Frauen können heute vieles, aber eines sicher nicht: ungestört Single sein. Denn noch immer ist die Paarbeziehung für viele das ultimative Lebensziel: Man findet sich, heiratet, bekommt 1,6 Kinder. Happy End, fertig. Das Single-Dasein wird dabei als bedauernswerter Zustand definiert, besonders die Single-Frau als traurig, ungeliebt und wertlos eingestuft. Dieses Klischee gehört endgültig abgeschafft, übt es doch permanent Druck aus und vermittelt unzähligen Mädchen und Frauen das Gefühl, falsch zu sein. Wir brauchen neue, vielfältige Konzepte von Liebe, Glück und Zufriedenheit: Denn Single zu sein ist genauso gut, wie nicht Single zu sein. Ist genauso richtig und falsch, genauso lebenswert. Es ist Zeit für das eigene gute und verrückte Leben!

Wie kamst Du zum Beruf Autorin?

Schreiben war schon immer eine Leidenschaft von mir. Ich habe dann also fast unvermeidbar Germanistik und Literaturwissenschaften studiert, wurde später Journalistin und vor zwei Jahren kam schließlich die Idee zum Buch auf.  Das war allerdings noch einmal eine ganz neue Schreiberfahrung und Herausforderung, das hat mit meinem Alltag als Redaktionsleiterin wenig zu tun. Aber Herausforderungen machen ja Spaß!

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Eigentlich sind das vor allem die Anfänge, die sind schließlich immer aufregend. Und ich muss oft an all die Menschen, besonders Frauen, denken, die mich auf meinem Weg immer unterstützt haben. Das versuche ich jetzt zurück zu geben, wann immer ich kann. Und natürlich die Erfahrung, das Online-Magazin EDITION F von den ersten Schritten an zu begleiten und mitzugestalten.

Hast Du in deiner Branche ein Vorbild und wenn ja, wer ist das?

Es gibt so viele großartige Journalistinnen und Autorinnen, aber um wenigstens zwei zu nennen: Die Journalistin Mely Kiyak, wegen ihrer großartigen Kolumnen für Zeit Online und Sibylle Berg, die einfach sehr furchtlos schreibt.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?

Solidarität und der Blick über die eigene Bubble hinaus.  Wenn wir die Hälfte der Macht wollen, dann geht das nur mit allen zusammen.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

In keinem.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…

… dass mehr Frauen in die Jobs kommen, die jetzt komplett vom Boys Club besetzt sind. Wir brauchen aber nicht nur eine Frauen, sondern eine Diversitätsquote. Je diverser Teams sind, umso besser sind die Ergebnisse.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Ich glaube nicht, dass es an der Wahrnehmung von Frauen liegt – aber ganz generell lässt sich nicht individuell lösen, dass keine Chancengleichheit herrscht, weil es ein strukturelles Problem ist. Aber wir können uns immer gegenseitig dabei unterstützen, sichtbar zu sein. Erzählt voneinander und empfehlt euch gegenseitig, das macht schon verdammt viel aus!

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben?

Vertrau dir selbst, vernetz dich, mach dich bemerkbar und hab keine Angst vor Fehlern. Die machen wir alle immer wieder, das ist kein Beinbruch.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Wie sollen da drei Worte reichen? 😉

Hast Du ein absolutes Lieblingsbuch, wenn ja, welches ist das?

Das sind zu viele – jedes Buch hat auch seine Zeit, vieles entdeckt man ja ganz neu, wenn man es nochmal liest. Andere wiederum kann man irgendwann gehen lassen.

Dein Lieblingszitat?

Ich habe kein Lieblingszitat, aber dieses hier mag ich auf jeden Fall sehr:

„Each time a woman stands up for herself, without knowing it possibly, without claiming it, she stands up for all women.” 

Maya Angelou

Was liest Du derzeit?

Auf dem Nachttisch liegen Giulia Becker Das Leben ist eines der härtesten und Anke Stellung Schäfchen im Trockenen – jetzt muss ich nur noch die Zeit finden, sie auch endlich zu lesen.

Foto: Jennifer Fey Photography

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FemFriday Nora-Vanessa Wohlert

Am heutigen #femfriday gehts in die junge Gründerszene. Die Gründerin und Geschäftsführerin von Edition F Nora-Vanessa Wohlert hat meine Fragen beantwortet. Ich freue mich sehr den Frauenkreis hier mit einer weiteren spannenden und klugen Frau erweitern zu können.

Nora war so freundlich Euch allen einen 30 Euro RABATT auf die Female-Future-Force- DAY Tickets am 12. Oktober in Berlin zu geben.
Der Rabatt gilt auf die regulären Tickets. Der Code lautet Femfriday und ist hier einzulösen: http://femalefutureforceday.com/register/

Nora-Vanessa Wohlert ist Gründerin und Geschäftsführerin von Edition F, der Business-Lifestyleplattform für Frauen. Sie ist für die Bereiche Content, Community-Building und HR verantwortlich. Zuvor arbeitete sie über zwei Jahre als Redaktionsleiterin bei Gründerszene, zusammen mit ihrer Mitgründerin Susann Hoffmann. Davor begleitete sie den Aufbau eines Startups, schloss ein Redaktions-Volontariat bei der PR-Agentur fischerAppelt relations ab und arbeitete als Business Analyst bei Roland Berger.

Wie kamst Du zu deinem Beruf und wie würdest Du Dich bezeichnen?

Viele Zufälle kamen zu zusammen würde ich sagen. Ich hatte in jedem Fall ursprünglich nicht vor selbst einmal zu gründen. Meine Eltern sind nicht selbstständig und studiert habe ich Geisteswissenschaften. Dann kam meine Zeit als Redaktionsleiterin bei Gründerszene und ich hatte wahnsinnig viele Berührungspunkte mit Gründerinnen und Gründern und Business Modellen, außerdem arbeitete ich mit Susann zusammen, mit der ich dann auch EDITION F gegründet habe. Ich würde mich heute als Unternehmerin bezeichnen. 

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Ehrlich gesagt gibt es da viele die prägend waren. Ich erinnere mich gut an viele Momente als angestellte Person in denen ich dachte, denkt doch mal groß, anders oder lasst mich doch mal machen. Außerdem natürlich an den Sprung ins kalte Gründerinnenwasser und auch die schweren Tage, die damit auch zusammen hängen. 

Was macht für dich Fempowerment heute aus?

Offen auf andere zuzugehen und gemeinsam zu lernen, Männer nicht auszuschließen sondern mit zu involvieren. 

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?In keinem. 
Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…

kann sie mittelfristig auf alle Ebenen von Unternehmen Einfluss nehmen und Chancen für alle sichtbarer machen.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Selbstbewusst sein, sagen, was man kann und Dinge umsetzen, die man im Kopf hat. 

Empfindest Du in deinem Umfeld ein Ungleichgewicht an Frauen in Führungspositionen?

Eindeutig ja und dabei bin ich selbst in einer ziemlichen Blase voller Frauen, die gründen, Unternehmen führen und Chefinnen sind. Aber die Zahlen sprechen Bände. Es gibt wesentlich weniger Frauen die führen als Männer.

Was würdest Du anderen Gründerinnen mit auf den Weg geben?

  1. Sprich früh und immer wieder mit künftigen Kundinnen und Kunden über deine Idee
  2. Such dir im Team Leute, die Dinge besser können als du selbst
  3. Versuch mal ob du deine Idee auch ohne Geld von Investor*innen umsetzen kannst

Was würdest Du an der virtuellen Blase Instagram gern ändern?

Weniger Posing ohne Inhalte. Mehr Inhalte, die inspirieren.

Beschreibe Dich in drei Worten.

Mutig, vernetzt, groß denkend

Was liest Du derzeit?

„New work need inner work“ von Joana Breidenbach und Bettina Rollow, ein Buch für Unternehmen auf dem Weg zur Selbstorganisation.

Hast Du ein Lebensmotto? Wenn ja, wie lautet es?

Was würdest du tun, wenn du keine Angst hast? ganz nach Sheryl Sandberg.

Foto: Nora Tabel

FemFriday mit Leoni Schulz

Heute geht es am #femfriday mit einer Schauspielerin weiter. Leoni Schulz stammt wie ich aus Hessen und ist am Staatstheater Mainz engagiert. Vergangene Woche sah ich sie in einen Solo Abend über Anna Politkowskaja. Toll! Hier gehts zum Interview.

Leoni Schulz wurde 1982 in Frankfurt am Main geboren, mit vier Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Pakistan und mit 13 Jahren nach Simbabwe. Nach dem Abitur studierte sie Politologie an der Goethe Universität in Frankfurt am Main und schloss 2006 mit einem Diplom ab. Darauf folgte von 2007 bis 2011 das Schauspielstudium an der Filmuniversität Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg. Während des Studiums spielte sie bereits in zwei Produktionen am Hans Otto Theater in Postdam („Die Geschichte vom Baum“, Regie: Aurelina Bücher und „Die Aeneis“, Regie: Sascha Hawemann). Nach dem Studium arbeitete sie freischaffend in Berlin und gastierte u.a. am Landestheater Schleswig-Holstein, an der Tafelhalle in Nürnberg, im Raum13 in Köln sowie an der Schaubühne Berlin, wo sie eine Rolle in Volker Löschs Inszenierung von „Draussen vor der Tür“ übernahm. In Katrin Gebbes „Tore tanzt“, der bei den Filmfestspielen in Cannes lief, übernahm sie eine Nebenrolle. 
Seit der Spielzeit 14/15 ist sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz und spielte hier u.a. Margarita in „Meister und Margarita“ (Regie: Jan-Christoph Gockel), Marwood in „Miss Sara Sampson“ (Regie: Markolf Naujoks), einen Solo Abend über Anna Politkowskaja (Regie: Kathrin Herm), war in verschiedenen Koproduktionen mit Luxemburg, London und tanzmainz zu sehen und spielt aktuell Brunhild in „Die Nibelungen“ sowie in „Ljod – das Eis – Trilogie“ (Regie: Jan-Christoph Gockel).

Wie kamst Du zum Beruf Schauspielerin?

Eigentlich bin ich zum Beruf Schauspielerin recht spät gekommen. Ich denke aber es war schon immer mein Ausdrucksmittel. Als Kind wurde ich in einer amerikanischen Schule eingeschult, da ich mit 4 Jahren mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder nach Peschawar in Pakistan gezogen bin. Meine Mutter erzählte mir, dass ich aufgrund der neuen Sprache drei Monate lang in der Schule gar nicht gesprochen hätte und dann bei einer Schulaufführung in perfektem Englisch die Rolle gespielt hätte. Da hat sich wohl zum ersten Mal eine starke Verbindung zu diesem Beruf gezeigt. Dass man Schauspiel tatsächlich studieren kann, habe ich spät erfahren. Ich habe neben meinem Studium der Politologie, als Statistin in der Oper und im Schauspiel in Frankfurt am Main gearbeitet und dort erzählten mir Kolleg*innen davon. Und dann habe ich mich auf die lange Vorsprechreise an den Schauspielschulen begeben.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Besonders gut erinnere ich mich an den Moment als ich eine Rolle in „Draussen vor der Tür“ an der Schaubühne bekam. Ich wurde Donnerstags von der Dramaturgie angerufen, Freitag Vormittag hatte ich mein Vorsprechen und Mittags, als ich grade zu Hause zur Tür reinkam, rief Volker Lösch mich an und fragte ob ich gleich wieder zurückkommen könne, er würde gerne mit mir arbeiten. Das war ein riesiges Erfolgserlebnis für mich und hat mir sehr viel Selbstbewusstsein für meinen Beruf gegeben.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?

Definitiv. Es ist ja im Moment – zurecht – ein riesen Thema. Neben dem offensichtlichen Ungleichgewicht in Leitungspositionen, z.B. Intendanz, Schauspieldirektion, Regie sowie auch in den technischen Berufen, wie Bühnentechnik und Beleuchtung – in diesen Bereichen sind immer noch Männer in der Mehrzahl – ist es auch im Schauspiel Thema. Ich hatte hier in Mainz die Möglichkeit mit vielen Regisseurinnen zu arbeiten, Brit Bartkowiak, Hannah Barker, Carole Lorang, Aslı Kışlal, Jana Vetten, Kathrin Herm und ich habe in zwei Stücken gespielt, die eine ausschließlich weibliche Besetzung hatten.
Das nehme ich als positive Entwicklung wahr aber leider ist es auch immer noch eine Ausnahme. Viele „klassische“ Rollen bleiben einem als Frau vorenthalten, weil es „Männerrollen“ sind. Ich setze „Männerrollen“ hier in Anführungsstriche, weil ich denke, dass diese Rollen nicht unbedingt geschlechterspezifisch besetzt werden müssten. Die Schauspielerin Jana Schulz ist da ein Riesenvorbild für mich: sie spielt Rollen wie Woyzeck oder Raskolnikow nicht als Frau oder als Mann oder als Frau die einen Mann spielt sondern einfach ihre Interpretation der Rolle. Davon wünsche ich mir mehr!

Sind Frauen die besseren Künstler*innen?
Das würde ich nicht sagen aber ich denke, dass Künstlerinnen immer noch unterschätzt werden und zu wenig Sichtbarkeit erfahren.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?
Laut sein, sich nicht zurückhalten, für sich selbst einstehen und vor allem sich vernetzen und gegenseitig fördern. Das machen Frauen im Beruf immer noch viel zu wenig. 

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?
Das Gagengefälle. Das betrifft sowohl die Gender Pay Gap als auch die Intransparenz der Gagen in den künstlerischen Berufen. Da gibt es außer den Anfängergagen keine klaren Richtwerte als Verhandlungsbasis.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
In Gehaltsverhandlungen und wenn ich in einem beliebigen Kostüm durch die Gänge gehe und ich mir mindestens 10 Bemerkungen anhören muss ob ich jetzt in diesem Kostüm attraktiv aussehe oder nicht – denn, was kann es für eine Frau wichtigeres geben?!

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

Dann, dass Frauen sichtbarer werden, vor allem in Berufen, die immer noch als „Männerdomäne“ gelten und damit zu greifbaren Vorbildern für junge Frauen (und Männer) werden. 

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Ich denke, wir sollten vor allem aufpassen, dass wir uns nicht an den patriarchalen Strukturen beteiligen. Das passiert immer wieder, weil wir ja alle mehr oder weniger so sozialisiert wurden. Das betrifft vor allem die den patriarchalen Strukturen inhärente Idee, dass es weniger Stellen für Frauen am Arbeitsplatz gibt und ich deshalb als Frau alle anderen Frauen als Konkurrentinnen wahrnehme und sie „bekämpfe“. Da dürfen wir nicht mehr mitmachen. Ich denke das könnte viel bewirken.

Beschreibe Dich in drei Worten…

Kämpferisch, sensibel, aufgeschlossen

Was liest Du derzeit?

Gerade beendet habe ich „Untenrum Frei“ von Margarete Stokowski und „Wahnsinn“ von Kalin Terziyski und momentan lese ich „Alte Weisse Männer – ein Schlichtungsversuch“ von Sophie Passmann. Als nächstes kommt wahrscheinlich „Tanz mit dem Schafsmann“ von Haruki Murakami dran.

Hast Du ein Lieblingszitat? Wenn ja welches ist das?
Hatte ich eigentlich noch nie aber Margarete Stokowski zitiert in „Untenrum Frei“ Mascha Kaléko mit „Lieber noch mit dornzerkratzten Händen/ als mit manikürter Seele enden!“ Das ist mir irgendwie im Kopf geblieben.

Mehr Infos über Leoni findet ihr auf ihrer Homepage oder am Staatstheater Mainz.

Fotos: dedaproductions

#digitaldienstag mit Marcus Lobbes

Endlich gehts hier wieder um meine Lieblingsfrage WIE DIGITAL IST DIE KUNST? Dazu habe ich den Regisseur Marcus Lobbes interviewt. Seit diesem Jahr ist er Künstlerischer Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund, also genau der richtige für meine Fragen.

Was war deine erste Begegnung mit der Digitalisierung?

Meine ersten Begegnungen mit der Digitalisierung reichen zurück bis in eine Zeit, als es das den Begriff davon so noch nicht gab. Mein Vater war schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts als damals sogenannter Programmierer oder IT-Spezialist unterwegs. Bei uns zu Hause gab es immer die neueste Technik, immer ein großes Interesse an neuesten Entwicklungen. Allein die Generationen von Schachcomputern, die in unsere Wohnung gegen uns, für ihn analysierend oder gegeneinander im Betrieb waren – großartig. Was mein Vater so gearbeitet hat, war immer etwas Sagenumwobenes oder Geheimnisvolles; er selbst hat sich kaum je die Mühe gemacht, darüber zu berichten – in der Annahme, dass wir Familie davon niemals etwas verstehen würden, nehme ich mal an. Umso eindrücklicher waren mit ihm dann die Spaziergänge in den früheren 1970ern durch ein neu errichtetes Rechenzentrum, in dem ich voller Begeisterung den Wechsel von Lochkarte auf Magnetband präsentiert bekam. In meiner Erinnerung sind das Stockwerke voll mit riesigen Maschinen gewesen, die den gesamten Flugbetrieb der Lufthansa von Frankfurt aus steuerten. Dann, nachdem wir den praktischen Teil seiner Arbeit gesichtet hatten, haben wir an seinem Arbeitsplatz aus den riesigen Fenstern direkt auf die Start- und Landebahnen des Flughafens geschaut, und sein Lieblingssatz war: „Hier sitze ich und denke nach, wie es noch besser gehen könnte…“ 

Wie digital bist Du im Alltag?

Ach, nach einer riesigen Pause von allem, was auch nur ansatzweise mit Computern zu tun hat – ich war ziemlich vor unserem C64 versackt und wollte mich nun ausschließlich auf mein Studium, auf Musik, auf Theater konzentrieren – bin ich – tatsächlich erst – seit dem Jahr 2000 wieder an den Geräten und ihrer Vernetzung dran. Ich nutze zurzeit mehrere Rechner, stationär und mobil, natürlich ein Smartphone, alles vernetzt und vercloudet, und versuche trotzdem, eine Balance zwischen analoger Welt und Power-User herzustellen. Das heißt, dass ich nicht jede App und jedes Netzwerk brauche, aber…
Meine größte Schwäche, damals wie heute, sind digitale Unterhaltungsmedien. Ohne eine Stunde, äh Training an diversen PC-Spielen komme ich selten ins Bett – Reality-Detox…

Welche digitalen Bereicherungen willst Du nicht mehr missen?

In Echtzeit synchronisierte Kalender. Ein Segen!

Auf welche digitalen Entwicklungen könntest Du verzichten?

In Echtzeit synchronisierte Kalender. Ein Fluch!

Wie bist Du der Leiter der Akademie für Theater und Digitalität geworden?

Diese frühen, prägenden Erfahrungen und der staunende Blick auf das nicht sichtbare Digitale haben sich mit meiner Arbeit als Regisseur zu einem stetig wachsenden Interesse an digitalen Fragestellungen verbunden. Meine Liebe zu Spielen betrifft eben nicht nur das Theaterspiel oder nur die Computerspiele – die Faszination der Erzählungen, aber auch die der Mechaniken, war für mich immer gegeben. Vor über zehn Jahren habe ich dann angefangen, beides zusammen zu denken, wenn sich für mich eine sinnvolle Schnittstelle ergeben hat, wie z.B. in meinen Inszenierungen von „Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller oder bei Elfriede Jelineks „Ein Sportstück“.

Seit 2010 bin ich zudem regelmäßiger Gast am Schauspiel Dortmund, und die Fragestellungen, die Kay Voges und sein Team beschäftigt haben, sind auch mir immer gegenwärtig gewesen – unser beider familiärer Hintergrund ist seltsamerweise sehr ähnlich, unsere Suchbewegung in den Mitteln und bei den Vorlagen sehr unterschiedlich; aber die Erweiterung der Möglichkeiten u.a. im Theater und deren Sinnhaftigkeit hat am Ende wieder viel Gemeinsames. Das Interesse an einer koordinierten Professionalisierung, die offene und kuratierte  Forschung über den Dortmunder Rahmen hinaus, die Verbesserung der Kommunikation zwischen ‚Kunst‘ und ‚Technik‘, das Ankommen im Hier und Heute der Möglichkeiten: Das interessiert mich als Regisseur genauso wie als Künstlerischer Leiter. Es war ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.

Wie wählst Du die Stoffe für ein/das Digitaltheater aus?

Da ist immer die Frage: Wofür?  Stoffe, die mich als Regisseur interessieren, müssen nicht zwingend auf digitale Möglichkeiten befragt werden. Ein befreundeter Dramaturg hat mich jüngst nach der Berufung an die Akademie als letzten Analog-Dino des Stadttheaters bezeichnet.
Vielen Dank auch an dieser Stelle.
Ich wähle lieber den umgekehrten Weg: Wenn es dem jeweiligen Team notwendig erscheint, digitale Mittel, Techniken, Erzählweisen, Video- oder Audioformate einzusetzen, dann beginnt die Recherche darüber, dann das Einordnen in den Theaterzusammenhang.

Als Künstlerischer Leiter der Akademie stelle ich gemeinsam mit dem Team einen Bezugsrahmen her, der sich von Einzelmeinungen nicht leiten lässt. Auf der Grundlage von Juryentscheidungen kuratieren wir die künstlerisch-technischen Forschungen unserer Stipendiat_innen. Diese Jury kommt von außerhalb der Akademie und ist mit Expert_innen aus den unterschiedlichsten Bereichen besetzt. Dabei planen wir aber noch kein ‚Digitaltheater‘: Der Clou ist ja, dass wir ein halbes Jahr forschen lassen können, ohne dass der Produktionsdruck einer von vornherein kommunizierten Theateraufführung oder eines Spielplans gegeben ist. Wenn dann zeigbare Ergebnisse entstehen, um so besser, aber das entscheidet sich erst im Prozess der Forschung.

Gibt es ein Prinzip, nach dem die digitale Umsetzung im Bühnenraum funktioniert?

Ich würde hier gerne zwischen sichtbar und unsichtbar unterscheiden.
Für ein Publikum unsichtbare Prozesse gibt es ja schon viele, sei es auf der Ebene der Kommunikation der Gewerke untereinander, sei es in der Herstellung der Elemente einer Aufführung oder bei den eingesetzten Apparaten; das alles macht zwar oft im Ablauf einer Aufführung Sinn – und findet sich im Theater bisher nur partiell und definitiv nicht standardisiert -, gehört aber zur Bühnenmechanik, die in den seltensten Fällen offenbar gemacht wird.
Auf der Ebene der sichtbaren Mittel, also z.B. Hologramme auf einer Bühne, die in Interaktion mit dem realen Theatergeschehen treten, sind wir ja ganz am Anfang. Viele Künstler_innen und Gruppen experimentieren in dem Feld, und bringen auch sehr spannende Formate zustande. Wie es sich weiterentwickeln wird: Wer weiß!
Ich für mich möchte es recht altmodisch formulieren: Bei den Darstellenden Künsten sollten sich die Mittel, ganz gleich ob analog oder digital, immer um das Thema, um die Menschen gruppieren, nicht umgekehrt.

Wie geht ihr mit der ethischen Debatte des „Entzauberns“ oder dem „Verrat am Theater“ um, die in Bezug auf digitale Bühnenformate aufkommt oder gibt es diese Debatte nicht mehr?

Die Warnungen, sich nicht zum Spielball einer technikverliebten Elite machen zu lassen oder der Digitalisierung Arbeitsplätze zu opfern oder den digitalen Möglichkeiten den Zugriff auf künstlerische Entscheidungen zu gewähren, hören wir schon. Es ist ein wenig wie in der vorherigen Frage: Angemessen abwägen und reagieren hat noch nie geschadet.
Dazu ist es vielleicht ganz gut, an Orten wie der Akademie die Möglichkeiten neuester Technik erproben – und im Zweifel auch verwerfen – zu können.

Andererseits, wenn wir die technischen Entwicklungen im Theater in längeren Zeiteinheiten betrachten, dann gibt es inzwischen kaum noch Kritik an geschlossenen Theaterbauten, elektrischem Licht, einer funktionierenden Bühnenmaschinerie oder dem Spielen bei abgedunkeltem Saal – Theater bedeutet Veränderung, oft auch Faszination am Dargebrachten, und seit jeher möchte ein Publikum mit den Mitteln und Diskussionen seiner Zeit konfrontiert werden. Wenn die Kunst als Sinnbild des Lebens erhalten bleibt, wird sie relevant bleiben. Was nichts taugt, hat im Theater noch nie lange überlebt. Wir sollten uns Zeit lassen.

Wie sieht für Dich das Theater der Zukunft aus?

Bewegt.

Marcus Lobbes arbeitet seit 1995 als Regisseur und Ausstatter im Musik- und Sprechtheater und ist seit 2019 Künstlerischer Leiter der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund. Seine Schwerpunkte sind Klassiker-Umsetzungen sowie zahlreiche Ur- und Erstaufführungen u.a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, Nationaltheater Mannheim, an den Staatstheatern in Kassel, Mainz, Saarbrücken, Darmstadt und Braunschweig, am Schauspiel Dortmund, den Wuppertaler Bühnen, am Theater Freiburg, u.v.m. Neben seiner künstlerischen Tätigkeit ist Lobbes auch in der Lehre tätig, u.a. als Gastdozent und Sprecher an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg, dem Salzburger Mozarteum, der Universität Rostock, der Hochschule Mainz, der Kunstuniversität Graz und der Robert Schumann Musikhochschule in Düsseldorf.

Mehr Infos über Marcus‘ Arbeit an der Akademie oder seine Regiearbeiten gibts auf den Homepages.

Foto:  Susanne Diesner

FemFriday mit Gunda Windmüller

Heute stelle ich euch die Autorin und Journalistin Gunda Windmüller vor.

Gunda Windmüller, geboren 1980, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin. Als freie Journalistin schrieb sie u.a. für Welt und ze.tt.
Seit Anfang 2018 ist sie Redakteurin beim Newsportal watson.
Gunda kommt aus Köln, hat in England studiert, am Theater gearbeitet und dann über Seemänner und Inseln im englischen Drama des 18. Jahrhundert promoviert.
Mit Umwegen also zum Journalismus, aber trotzdem irgendwie mit Zug auf’s Tor. Auch als FC-Fan. Für „Huffington Post“, „Harper’s Bazaar“, „Welt“ und ze.tt geschrieben. Bei watson kümmert sich Gunda thematisch um Debatten, Gender, Sex, Beziehungen und alles, was man Liebe nennen könnte.
Im März diesen Jahres erschien ihr Buch:

Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht – Eine Streitschrift

Über die Kunst, glücklich single zu sein – ein Debattenbuch mit hohem Identifikationspotential. Gunda Windmüller plädiert leidenschaftlich dafür, unser Bild von der bemitleidenswerten Singlefrau zu überdenken. Und sie macht Mut: Denn das Leben allein kann verdammt gut sein. Leider nimmt das den meisten Frauen ohne festen Partner nach wie vor kaum einer ab. «Was macht die Liebe? Hast du schon mal Online-Dating probiert?» Das ist gut gemeint, es schwingt aber immer mit: Was stimmt nicht mit dir? Die wichtigere Frage lautet jedoch: Was stimmt nicht mit einer Gesellschaft, in der allen Scheidungsstatistiken zum Trotz die dauerhafte Paarbeziehung nach wie vor als Nonplusultra gilt?

Wie kamst Du zum Beruf Schriftstellerin?

Wie das oft so ist: Ich wollte schon immer schreiben. Ich bin also Journalistin geworden, aber Bücher zu schreiben war nach wie vor mein Traum. Vor knapp zwei Jahren habe ich dann eine ganz konkrete Idee für ein Sachbuch entwickelt, eine Agentur hat mich aufgenommen und kurze Zeit später hatte ich auch einen Verlagsvertrag.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

In einem Abschlußgespräch bei einem ehemaligen Arbeitgeber sagte meine Mentorin zu mir: „Frau Windmüller, sie müssen ‚hier‘ schreien, wenn Sie etwas wollen. Sie glauben doch wohl nicht, dass einer der Kerle, die hier auf den Chefsesseln sitzen, da wären, wenn sie nicht ‚hier‘ geschrien hätten.“ Weise Frau.

Hast Du in deiner Branche ein Vorbild und wenn ja, wer ist das?

Karrieretchnisch habe ich kein konkretes Vorbild. Aber wenn es ans Schreiben geht, dann ist das die britische Journalistin und Autorin Caitlin Moran. Sie ist die lustigste Frau der Welt. Und obendrein sehr warmherzig und schlau. Ich lese alles von ihr.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?

Ein Stichwort: Solidarität. 

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

Ich möchte nie ein Mann sein. Was ich aber gerne hätte: Ein dickeres Fell.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!

…ist damit ein kleiner Schritt in die richtige Richtung getan.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Mehr darüber sprechen, in welchen Kontexten und Situationen sich Diskriminierung verbirgt und unser Umfeld immer wieder darauf aufmerksam machen.

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben? 

Nur Mut. Suche Dir Verbündete. Bilde Banden. Frag nach. Immer.

Beschreibe Dich in drei Worten.

Nett, schlau, getrieben.

Hast Du ein absolutes Lieblingsbuch, wenn ja, welches ist das?

Nein, habe ich nicht. Aber das letzte Buch, das ich sehr gern gelesen habe ist „The Vagabond“ von Colette.

Dein Lieblingszitat?

„You can’t be, what you can’t see.“

Was liest Du derzeit?

„Das Ende“ von Attila Bartis

Beitragsbild: Astrid Kasimir
Quelle: Rowohlt Verlag

FemFriday mit Sophie Oldenstein

Am heutigen FemFriday stelle ich Euch meine ehemalige Kollegin und Freundin Sophie Oldenstein vor.

Sophie ist Dramaturgin und darin ein ganz wichtiger Teil unserer gemeinsamen Arbeit z.B. in Eisenach gewesen.
Was Sophie über Fempowerment denkt, wie sie Dramaturgin wurde und was sie über die Frauenquote denkt, erfahrt ihr hier.

Sophie Oldenstein (*1988) schloss 2012 ihr Studium der Theaterwissenschaft, Filmwissenschaft und evangelische Theologie in Mainz mit Auszeichnung ab. Parallel dazu hospitierte und assistierte sie an verschiedenen Theatern in Frankfurt, Wiesbaden und Köln und betreute erste eigene Produktionen als Dramaturgin.

Ihre ersten festen Engagements führten sie als Regieassistentin ans Nordharzer Städtebundtheater und das Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Von 2014 bis 2017 war sie Dramaturgin und Theaterpädagogin am Landestheater Eisenach engagiert, wo sie die Eisenacher Bürgerbühne gründete und zahlreiche Produktionen mit generationenübergreifenden Ensembles realisierte. Im Anschluss daran leitete sie am Theater Ansbach die dramaturgische Abteilung und ist dort außerdem Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Mit Beginn der Spielzeit 2019/20 wechselt sie als Dramaturgin für Schauspiel und Puppentheater an die Theater&Philharmonie Thüringen in Gera und Altenburg.

Im Rahmen ihrer Dissertation über Zauberkunst und die Konstitution der Moderne, die sie 2018 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingereicht hat, verbrachte sie als Stipendiatin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes Forschungsaufenthalte in Wien und Washington D.C. Von 2008 bis 2013 war sie Mitarbeiterin bei „FILMZ – Festival des deutschen Kinos“ in Mainz und gehörte 2011 dessen künstlerischer Gesamtleitung an. Während ihres Studiums arbeitete sie fünf Jahre als freie Mitarbeiterin für die Tageszeitung „Rüsselsheimer Echo“ und leitete drei Jahre lang die Theatergruppen der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen in Mainz.

Wie kamst Du zum Beruf Dramaturgin?

Ich wollte schon sehr früh ans Theater. Ursprünglich wollte ich Regisseurin werden. Allerdings haben mir schon bald viele Menschen, die mich und die Arbeit am Theater kannten, gesagt, ich sei eine Dramaturgin. Das wollte ich damals alles nicht hören, weil ich dachte, das sei sehr weit weg vom eigentlichen künstlerischen Schaffensprozess und allgemein eher tröge. Als ich dann in meinem ersten Engagement als Dramaturgin gelandet bin, habe ich schnell festgestellt, dass die anderen alle Recht hatten und der Job wie für mich gemacht ist. Inzwischen weiß ich das vielfältige Aufgabengebiet dramaturgischer Arbeit und den Überblick über die Gesamtheit eines Hauses, den man in dieser Position gewinnt, sehr zu schätzen und kann mir keinen anderen Beruf mehr vorstellen.

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?

Während meiner ersten Hospitanz kurz nach dem Abitur sagte der Regisseur der Produktion zu mir: „Sophie, überleg es Dir gut, am Theater wird man nicht reich.“ Und ich erwiderte voller jugendlichem Idealismus: „Ja, aber deswegen macht man das doch nicht.“ Daraufhin entgegnete er: „Ja, aber am Theater wird man auch nicht berühmt“. Ich kann also nicht behaupten, dass ich nicht wusste, worauf ich mich einlasse.

Empfindest Du ein Ungleichgewicht am Theater was die Geschlechterbesetzung angeht?

Natürlich. Der Großteil der Intendanten und Regisseure sind nach wie vor Männer, die meisten Ensembles bestehen aus mehr Schauspielern als Schauspielerinnen und es werden wesentlich häufiger Texte von männlichen Autoren als von ihren weiblichen Kolleginnen gespielt.

Sind Frauen die besseren Dramaturgen?

Da stellt sich doch direkt die Frage, was genau ein guter Dramaturg überhaupt sein soll. Grundsätzlich gehört für mich zu dem Job in jedem Fall viel Empathie, eine gute Beobachtungsgabe und der Wille, sich ganz in den Dienst der Sache zu stellen. Und Männer sind für diese Eigenschaften ja hinlänglich bekannt.

Was macht für dich Fempowerment heute aus?

Es stößt den wirklich wichtigen gesellschaftlichen Diskurs über Genderequality neu an. Es wird Zeit, dass wir darüber wirklich diskutieren, anstatt die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass die Gleichberechtigung schon lange erreicht sei.

Was würdest Du am Theater gern sofort ändern?

Faire Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten für alle Mitarbeiter – von den Künstlern über die technischen Gewerken bis hin zur Verwaltung.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?

Jedes Mal, wenn mich irgendein Selbstzweifel anficht. Ich denke, Männer stellen sich selbst viel weniger infrage als Frauen.

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann…
bitte beende diesen Satz

Ökonomische Gleichberechtigung. Gendersternchen hin oder her – Es geht bei der Gleichstellung doch im Endeffekt um knallharte wirtschaftliche Fragen. Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Frauen immer noch so bezahlt und beschäftigt werden, als würden sie nur zum Spaß arbeiten, weil die wirtschaftlich relevantere Karriere ihres Ehemanns sowieso das Familieneinkommen absichert.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?

Wir müssen mehr für uns einfordern. Egal, ob es um ein spannendes Projekt, eine Gagenerhöhung oder Anerkennung für die eigenen Leistungen geht – man muss Lärm machen, um gehört und gesehen zu werden, und darf nicht darauf warten, dass endlich mal jemand bemerkt, was man kann und erreicht hat. Und wir sollten mehr auf unsere eigenen Karrieretipps hören – das gilt zumindest für mich.

Foto: Jim Albright

Beschreibe Dich in drei Worten:

Und weiter geht’s!

Was liest Du derzeit

„Serotonin“ von Michel Houellebecq. Wer sonst könnte abnehmende männliche Libido mit dem Niedergang der französischen Landwirtschaft in einem Roman zusammenbringen?

Hast Du ein Lieblingszitat, aus einem Stück, oder eins, dass Dich schon länger begleitet und wenn ja welches ist das?

„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten“ aus Lessings „Nathan der Weise“. Im Stückkontext ist damit gemeint, dass wir uns von bestimmten Dingen, wie etwa unserer Sozialisation, nicht frei machen können, egal, wie viele dumme Sprüche wir darüber machen. Es ist aber sehr vielfältig einsetzbar. Ich zitiere es besonders gerne, wenn jemand ausgiebig jammert und sich beklagt, aber keinerlei Anstalten macht, etwas an der Situation zu ändern. Das begegnet einem als Dramaturgin häufiger.

Beitragsbild: Sabine Röße

#kulturblogging: WOZZECK in Frankfurt

Von Kindheitserinnerungen, einer Endlosschleife und der wunderbaren Claudia Mahnke.
In meinem #kulturblogging-Beitrag über Alban Bergs WOZZECK entführe ich Euch in eine eindrucksvolle Inszenierung von Christoph Loy an der Oper Frankfurt.

Meine ersten Schritte auf einer Bühne machte ich mit neun Jahren am Staatstheater Darmstadt. Ein Zeitungsaufruf brachte mich zum Vorsingen im hiesigen Kinderchor. Im Keller, klassisch für Probebühnen und Chorsäle, sang ich mit vielen anderen Kindern beim damaligen Chorleiter vor.
Es folgten aufregende Jahre im Kinderchor des Staatstheaters Darmstadt.
Von Hänsel und Gretel, Die Frau ohne Schatten bis zur Rockoper oder Sinfoniekonzerten, ich stand in zahlreichen Produktionen auf der Bühne. Eine wichtige Oper, ein Schlüsselerlebnis, war für mich Wozzeck von Alban Berg.
Damals sang ich im Kinderchor und spielte einige Male den Knaben, den Sohn Maries. Seitdem begegnete mir dieses Stück Operngeschichte immer wieder: Ich hospitierte 2006 bei Calixto Bieito an der Staatsoper Hannover, hörte einige Vorlesungen an der Uni dazu und habe seitdem bestimmt fünf verschiedene Inszenierungen gesehen.

Das Werk hat eine eigene Kraft. Die Aktualität und die Möglichkeit der Identifikation mit den einfach gehaltenen Figuren, stellt für mich die Faszination dar. Ebenso der Versuch des satirischen Blicks auf einen Proletarier, der im Hamsterrad des Lebens in straucheln gerät. Uns allen wohlbekannt.

Inhalt
Wozzeck- eine Oper in drei Akten mit 15 Szenen von Alban Berg. Das Libretto beruht auf dem deutschsprachigen Dramenfragment Woyzeck von Georg Büchner
Der Soldat Franz Wozzeck lebt am untersten Ende der sozialen Hierarchie; nur seine Geliebte Marie und sein Kind sind ihm Halt. Aber er wird von seinen Vorgesetzten als Versuchsobjekt für medizinische Experimente missbraucht, seine Geliebte wird von einem Tambourmajor verführt, und er wird so gedemütigt, dass er seine Geliebte Marie ermordet.

Foto: Barbara Aumüller

Wozzeck gehört zu den meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts. Sie geht zurück auf Georg Büchners Schauspiel Woyzeck, das nur als Fragment überliefert wurde.
Alban Berg schrieb das Libretto selbst und formte ein streng gebautes Drama, das sich unaufhaltsam auf eine Katastrophe zubewegt: Wozzeck tötet Marie, die ihm untreu war und er ertrinkt bei der Suche seiner Tatwaffe im Schilf.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund- mich schaudert, wenn ich hinunter schau“

Wozzeck, Alban Berg

Das Werk Bergs steckt voller musikalischer Facetten. Ohne Ouvertüre steigen wir direkt in die Szenerie. Wozzecks einfaches Leben, bestimmt durch Arbeit und fehlende Selbstbestimmung. Die Darstellung der Stereotypen eines Dramas werden hier auch musikalisch klar gezeichnet. Hauptmann, Doktor, Tambourmajor haben keine Namen, sind Titel und Begegnungen.

Getrieben von Existenznöten und einer unbändigen Angst, gejagt von, sich an seinem Leid ergötzenden Mitmenschen, hetzt Wozzeck einsam durch die Welt und seinem Leben hinterher. Bis er es nicht mehr aushält und sich und seine Geliebte von allem erlöst.

Foto: Barbara Aumüller

Die Oper Frankfurt setzt auf starke klare Bilder. Regisseur Christof Loy zeigt die Figuren, vor allem Wozzeck pur, weg von der Armut, weg von einer überzeichneten Darstellung durch geknechtete Figuren und immer aufbäumendem Frust. Wir sehen ein Innenleben, eine kämpfende Seele, einen verwirrten Wozzeck. Er funktioniert nicht mehr, kann sich nicht mehr einordnen. Er verliert im wahrsten Sinne, den Kopf.

„In der existenziellen Deutung zeigt Berg die transzendentrale Obdachlosigkeit Wozzecks, seine Verlorenheit in einer Wahnsinnswelt. Die Verlassenheit eines Menschen auf dieser Erde“

Norbert Abels, Chefdramaturg der Oper Frankfurt

Marie, hier gesungen und präzise gespielt von der zauberhaften Claudia Mahnke, versucht es noch ihren Partner, Freund und Weggefährten Wozzeck ( stimmlich und darstellerisch unheimlich stark Audun Iversern) zu erreichen. Sie scheitert.
So gibt sie sich einem irdischen, greifbaren, lebendigem Mann hin.

Foto: Barbara Aumüller

Die Bühne engt ein

Die Bühnenräume von Herbert Murauer werden immer enger. Die Wände bewegen sich langsam, manchmal kaum merklich, auf Wozzeck zu. Seine Welt droht ihn zu erdrücken. Umso anschaulicher, am Schluss, kurz vorm Mord an seiner Marie, ist die Bühne weit geöffnet, unser Blick frei auf ein dichtes Schilfgebilde, dass fast wie Scherenschnitt, ein Schattenspiel beleuchtet auf uns wirkt. Nach dem Tod, am Ende der Oper hören wir eine der eindrücklichsten und stärksten Trauermusiken der Operngeschichte.

Nach dem Tod von Marie steigert sich das Orchester in zwei fast unerträgliche Fortissimo-Akkorde, als Kontrast folgt ein Solo-Klavier in einer Bar, wohin sich Wozzeck in seiner Verzweiflung flüchtet“

Wilhelm Roth, 70 Jahre Oper

Nicht umsonst wurde die Oper Frankfurt zum vierten Mal zum Opernhaus des Jahre (Nenneung durch das Opernmagazin Opernwelt) ernannt.
Man erlebt hier herausragende Stimmen, innovative Inszenierungen und ein ausgewähltes Programm aus zeitgenössischer Musiktheaterkunst und den altbewährten, wichtigen Stoffen auf den Opernbrettern, die die Welt bedeuten. Der Ausflug nach Frankfurt lohnt sich immer!!!

Fotos: Oper Frankfurt / Barbara Aumüller

*Werbung gekennzeichnet/ Kooperation mit Oper Frankfurt

FemFriday mit Ingrid Noll

Im heutigen #femfriday-Interview stelle ich Euch die Schriftstellerin Ingrid Noll vor.
Wie sie schon vor vielen Jahren selbstbestimmt und ganz im Sinne der Emanzipation als Mutter und Ehefrau noch spät zum Schreiben kam, was sie über Fempowerment denkt und was sie derzeit liest.

Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai geboren. 1949 flüchtete sie mit der Familie nach Deutschland. 1954 machte sie Abitur um anschließend Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn zu studieren. 1959 folgte die Heirat, und die Geburten der drei Kinder. Jahrelang arbeitete sie in der Arztpraxis ihres Mannes.
Die erste Anfänge als Autorin waren Kindergeschichten.
1991 erschien Ingrid Nolls erster Krimi Der Hahn ist tot, inzwischen sind es fünfzehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten.
Ingrid Noll lebt mit ihrem Mann in Weinheim an der Bergstraße.

Wie kamen Sie zum Beruf Schriftstellerin?

Schon als Schülerin konnte ich mit einer Eins im Aufsatz die Fünf in Mathe ausgleichen und wusste, dass Schreiben für mich die Rettung bedeutet. Aber ich wagte lange nicht, von einem Beruf als Schriftstellerin zu träumen. Erst als unsere Kinder aus dem Haus waren und ich endlich ein eigenes Zimmer bekam, fand ich  Zeit für kreative Experimente. Mein Mann war Arzt und ich habe 20 Jahre lang in seiner Praxis mitgeholfen, eher aus Pflichtgefühl denn aus Neigung.

An welchen Moment in ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders gut?

Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als ich meinen ersten Roman gedruckt und in Leinen gebunden in den Händen hielt. Fast vergleichbar mit der Freude über die Geburt des ersten Kindes.

Was inspiriert Sie?

Da ich erst mit 55 Jahren mit dem professionellen Schreiben begann, konnte ich auf einen soliden Fundus an Lebenserfahrung und Menschenkenntnis zurückgreifen. Im Übrigen inspirieren mich das tägliche Leben, die Beobachtung der Umwelt und der nachwachsenden Generationen, vor allem auch die eigenen Enkelkinder. Wenn ich gerade mitten in einer fiktiven Geschichte stecke, bin ich zudem wie ein Schwamm, der alles um sich herum aufsaugt.

Empfinden Sie ein Ungleichgewicht in der Literaturszene, was die Geschlechterbesetzung angeht?

Von der Krimiszene kann ich das eigentlich nicht sagen. Die Rollen sind allerdings ein wenig verteilt: brutale Stories meiner männlichen Kollegen werden wahrscheinlich lieber von Männern gelesen, die eher psychologischen und weniger bluttriefenden (wie meine Bücher) eher von Frauen.

Was verstehen Sie unter dem Begriff Fempowerment heute?

Eine wichtige Initiative zur Stärkung der Frauenrechte.

In welchen Momenten ihres Jobs, wären Sie lieber ein Mann?

Überhaupt noch nie. 

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beenden Sie diesen Satz!

Dann wird hoffentlich bewiesen, dass Frauen ihren Job hervorragend meistern können und die Quote gar nicht nötig war.


Sie sind Mutter von drei Kindern. Was haben Sie ihnen für ihre Berufswahl mit auf den Weg gegeben?

Auf keinen Fall aus rein materiellen Gründen einen Beruf wählen, der für lebenslange Langweile sorgt.

Wie lief es bei Ihnen mit der Vereinbarkeit von Familie und ihrem Beruf als Schriftstellerin?

Das klappte bei mir ja erst, als die Kinder selbständig waren. Aber auch jetzt, wo es um die Großfamilie mit vier Enkelkindern geht, muss ich mich irgendwie organisieren, damit weder ich noch die mir so wichtigen Beziehungen zu kurz kommen. 

Beschreiben Sie sich in drei Worten…

Alt, pragmatisch und immer noch neugierig.

Wie wichtig ist für Sie Humor beim Schreiben?

Humor ist nicht nur fürs Schreiben lebensnotwendig, sonst würde ich verzweifeln.

Was lesen Sie zu Zeit?

Daniela Krien: „Die Liebe im Ernstfall“

Fotos: Diogenes Verlag

Wie digital ist die Kunst, ihr Cyberräuber?

Am heutigen #digitaldienstag habe ich das Künstlerkolletiv Die Cyberräuber, Björn Lengers und Marcel Karnapke interviewt.

Marcel Karnapke und Björn Lengers bilden seit 2016 das Künstlerkollektiv „CyberRäuber – Theater der virtuellen Realität“ (vtheater.net).
Sie verbinden Theater mit dem virtuellen Raum, bringen – oft gemeinsam mit anderen KünstlerInnen – digitale und virtuelle Welten ins Theater und das Theater auf virtuelle Bühnen. Sie erforschen neuartige Erzählmöglichkeiten und experimentieren mit Laserscans kompletter Bühnenbilder, dreidimensionalen Aufzeichnungen von SchauspielerInnen, Echtzeit-Bühnenbildern und mobilen Applikationen auf der Bühne.

Björn Lengers
Marcel Karnapke

Wie seid ihr die Cyberräuber geworden?
BL: Wir haben uns bei einer Veranstaltung über VR (Virtuelle Realität) und Film getroffen, beide dort die Meinung vertreten, dass VR viel interaktiver und echtzeitlicher als Film ist und daher viel mehr Verwandtschaft mit dem Theater hat. Und dann: don’t talk, do.
MK: Prinzipiell ging es bei der Veranstaltung auch darum, dass VR immer nur einzelnen Menschen etwas bietet. Dem haben wir widersprochen, denn wir glauben, die Zukunft von VR ist sozial und ein Gemeinschaftserlebnis, eben genau wie Theater.

Was war eure erste Begegnung mit der Digitalisierung?
BL: Ich habe eine Digitaluhr zur Erstkommunion bekommen und später meinen Eltern einen Commodore C64 „zum Programmieren lernen“ abgeschwatzt, der natürlich ausschließlich als Spielcomputer eingesetzt wurde.
MK: Ich habe den C64, den Amiga und die ersten Spielekonsolen in einem Computerclub gesehen. Das Einlegen von Audiocassetten, die klangen als würde man einer Katze auf den Schwanz treten und das daraus Zeilen von Text und Grafiken und am Ende ganze Welten auf dem C64 entstanden, war für mich absolute Alchemie.

Wie digital seid ihr im Alltag?
BL: Da wäre eigentlich erstmal zu klären, was das heißt, „digital sein“.
Ich bin schon ziemlich mit dem Smartphone verwachsen: Kommunikation, Social Media, Kalender. Und da wir derzeit an zwei Projekten gleichzeitig und remote arbeiten, sitze oder stehe ich den Großteil des Tages vor einem Display.
MK: Das würde jetzt zu weit führen, wenn ich alles aufzähle, aber man kann sagen, ich bin mit allen Sinnen massiv digitalisiert oder sogar augmentiert.
Meine Kopfhörer filtern aktiv Stimmen in der U-Bahn oder erzählen mir den Status meiner, in der Cloud arbeitenden Computer, lesen mir mit künstlichen Stimmen Artikel aus aller Welt vor und gängeln mich, wenn ich mich nicht genug bewege.
Und da hab ich das Smartphone noch nicht einmal angefasst!

Welche digitalen Bereicherungen wollt ihr nicht mehr missen?
BL: Die weltweite Vernetzung des Wissens und damit die Möglichkeit zu sehen, woran und wie andere Leute arbeiten. Twitter, Github, Colab.
MK: Um nur eine zu nennen, ich bin Podcastsüchtig.
Gerade weg vom Bildschirm zu sein und nur durch die Ohren und Gedanken in Geschichten einzutauchen, ist extrem schön und vorallem kann man es so toll in den Alltag einbauen; das nimmt dem Geschirrspülen doch gleich seinen Schrecken.

Auf welche digitalen Entwicklungen könntet ihr verzichten?
BL: Die Geburtswehen der neuen Zeit: Noch nicht gut entwickelte Diskussionskultur, Gesetzlosigkeit und Entmündigung.
MK: Totalüberwachung, damit einhergehende Steuerung durch Massenmedien, Trolling und das Live-Streaming von Gewalt.

Wie wählt ihr Stoffe für euer Digitaltheater aus?
BL: Da wir auch mit Stadttheatern arbeiten, teilweise gemeinsam mit ihnen. Beim Goldnen Topf, Memories of Borderline oder jetzt Fragmente | ein digitaler Freischütz kam der Vorschlag aus den Theatern.
Bei Verirrten sich im Wald gerade am DT (Deutsches Theater Berlin) war es eine gemeinsame Idee. Bei bisherigen freien Projekten haben wir uns zunächst mal an bekannten Stoffen (Schiller, Shakespeare) orientiert, gehen aber bei unseren kommenden Arbeiten andere Wege und entwickeln Stoffe selber zu den Themen Künstliche Intelligenz, Selbstermächtigung, Hilflosigkeit

Verirrten sich im Wald/ Deutsches Theater Berlin/ Foto: Arno Declair

Gibt es ein Prinzip, nach dem die digitale Umsetzung im Bühnenraum funktioniert?
BL: Ein Prinzip? Keine Ahnung. Wir sind eher Empiriker.
Wir glauben außerdem sehr an das gemeinsame Entdecken mit Künstlern verschiedener Disziplinen im Probenprozess. Eine Frage, die uns sehr beschäftigt:

Was ist denn eigentlich der Bühnenraum? Nach Peter Brook „Der leere Raum“?


VR ist eigentlich genau dieser „empty space“, aber wir machen ja auch Theater mit digitalen Mitteln auf der klassischen Bühne.
Und da ist sicherlich das Thema „Echtzeit“ wichtig: Digitales auf der Bühne sollte durch die Handlung der SpielerInnen und / oder ZuschauerInnen entstehen und nicht geskriptet sein.
MK: Da könnte man fast fragen, ob es ein Prinzip der Digitalität gibt?
Wir beschreiben unsere Arbeit sehr oft als eine Suchbewegung, da wir mit Medien arbeiten, für die es noch keine, bis wenige Erfahrungen gibt, sind wir bemüht Experimente zu wagen deren Ausgang auch ein Scheitern sein darf.
Eigentlich kommen wir oft an Grenzen, untersuchen diese und fragen uns, ob es Wege gibt, diese aufzuweichen, Dinge zu Verknüpfen und neue Perspektiven zu öffnen. Oft sind wir selbst total überrascht, wieviel man den Spielern und dem Publikum zutrauen kann und wieviel Gedachtes am Ende gut und solide funktioniert.

Wie geht ihr mit der ethischen Debatte des „Entzauberns“ oder dem „Verrat am Theater“ um, die in Bezug auf digitale Bühnenformate aufkommt?
BL: Gibt es diese Debatte wirklich? Ich glaube nicht, aber wir würden sie gerne führen. Im Moment ist es aber, nach meiner Wahrnehmung er so ein mürrisches „Naja“.
Es gibt mal ehrlich, niemanden, der sich mit der Aussage: „Digitales hat auf der Bühne nichts zu suchen“ profilieren möchte.
Was auch albern wäre. Wenn ich mir Probenprozesse und Produktionsprozesse im Theater angucke: Da läuft doch alles schon voll digital. Ohne Dropbox, Wetransfer, digitaler Sound-, Video-, Lichtsteuerung läuft nichts mehr, auf der Probebühne sind ständig mindestens vier Notebooks geöffnet.
Und „Verrat am Theater“? Dafür müsste man doch erstmal definieren, was Theater ist. Meine Erfahrung ist: Wenn ich zehn Menschen frage, was Theater ist, bekomme ich zehn verschiedene Antworten.

Man kann das Theater zum letzten Hort des „Analogen“ ausrufen, aber dann zieht man natürlich ins Reservat, weg von der Gesellschaft und weg von den Menschen.

Mir gefällt nicht, wenn Theater und Theatermenschen vor allem im Verteidigungsmodus sind, nur bewahren wollen oder Angst vor Veränderung haben. Wir wollen auch verzaubern, und ich empfinde, das was wir tun, eher als Dienst am Theater, als notwendige künstlerische Forschung.
MK: Ich habe absolut kein Problem damit jede Form von Technologie aus dem Theater zu verbannen. Man kann tatsächlich über alles „reden“.
Das bedeutet: Treffende Texte formulieren, spannende Fragen stellen und auch Technologien wie virtuelle Realität eignen sich prima, um komplett auf der Bühne behauptet zu werden.
Für mich gibt es absolut keinen Zwang diese Mittel einzusetzen um eine Geschichte zu erzählen. Ich schließe mich allerdings Björn an, dass ich es als wichtig empfinde, das sich Theater der Digitalität unseres Lebensalltags nicht verstellen – im Gegenteil – ich denke das Theater als Ort der Künstlerischen Betrachtung und Auseinandersetzung, kann hervorragend dazu genutzt werden Dinge sichtbar, spürbar und erfahrbar zu machen. Um uns neue Perspektiven zu ermöglichen.

Für mich ist die Digitalität der Welt und das Entwickeln von Software oft vergleichbar mit Radioaktiver Strahlung. Man riecht sie nicht, man schmeckt sie nicht und spürt sie nicht, dennoch umgibt sie uns, hat massiven Einfluss, birgt enorme Potentiale aber auch große Risiken.


Wie können wir als Künstler helfen, Menschen den Zugang zu solchen Welten zu öffnen, damit wir zumindest den Diskurs in der Gesellschaft wagen können!?

Marcel & Björn sind die Cyberräuber

Wie sieht für Euch das Theater der Zukunft aus?
BL: Gar nicht so sehr unterschiedlich, wie das der vergangenen 3000 Jahre: DarstellerInnen erzählen live Menschen Geschichten im Raum.
Und was das jeweils genau ist, wandelt sich ständig. Ich persönlich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob Theater als notwendige Bedingung einen physischen Ort, eine physische Bühne braucht.
Ko-Präsenz und Szenografie lassen sich auch anders erzeugen. Und es ist interessant, daran zu arbeiten. Jedenfalls bin ich überzeugt:
Das Theater hat seine besten Zeiten noch vor sich!
MK: In meinen kühnsten Visionen träume ich vom Cybertheater.
Einer Welt, in der das Publikum von überall auf der Welt einfach via virtueller Realität dazukommen und am Schauspiel aktiv oder passiv teilnehmen kann.
Auch die Schauspieler befinden sich an verschiedenen Spielplätzen auf dem Globus, treffen sich auf Bühnen, die zu Welten geworden sind und nehmen uns mit auf eine Reise in Ihre Köpfe, Mäuselocher oder schweben mit uns zusammen über den Dächern einer Stadt der Zukunft.
Klingt alles total abgehoben, aber haben wir schon ausprobiert, im Jahr 2018.
Scheint so als wäre die Zukunft schon heute, Sie ist nur noch nicht gleichmäßig verteilt.

The Memories of Borderline / Schauspiel Dortmund / Regie: Kay Voges, Cyberräuber
Die Biene im Kopf von Roland Schimmelpfennig Regie + Bühne: Martin Grünheit Programmierung + Virtual Reality: CyberRäuber Foto: Christian Brachwitz

Quellen: DT, Cyberräuber, Schauspiel Dortmund, Theater an der Parkaue

Beitragsbild: Christian Brachwitz Biene im Kopf am Theater an der Parkaue

FemFriday mit Anna Skryleva

Im heutigen #femfriday-Interview stelle ich Euch die Dirigentin Anna Skryleva vor. Leider sind Dirigentinnen noch immer eine Seltenheit. Anna arbeitet aber daran, dass sich das ändert. Hier ein Porträt über eine sehr spannende Frau.

Anna Skryleva wurde in ihrer Heimatstadt  Moskau am Tschaikowsky-Konservatorium als Pianistin ausgebildet. 1999 kam sie nach Berlin um ihr Klavierstudium an der Universität der Künste bei Prof. Klaus Hellwig fortzusetzen. Später nahm sie Dirigierunterricht bei Prof. Lutz Herbig in Düsseldorf und ist seitdem als Opern- wie auch Konzertdirigentin gleichermaßen aktiv.

Im November 2015 wurde Anna Skryleva als eine von sechs Dirigentinnen weltweit, für die Teilnahme am Mentorenprogramm des Institute for Women Conductors an der Dallas Opera ausgewählt und daraufhin in der Spielzeit 2016/2017 als Gast an der Dallas Opera engagiert. Ab August 2019 ist Anna Skryleva die Generalmusikdirektorin des Theaters Magdeburg.

Zwischen 2007 und 2015 wurde sie als Assistentin und Kapellmeisterin an führenden Opernhäusern Deutschlands engagiert: u.a. Oper Köln, Staatsoper Hamburg, Staatstheater Darmstadt. Im Juni 2015 gastierte Anna Skryleva mit der Darmstädter Produktion von Madame Butterfly am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. In der Spielzeit 2019/2020 übernimmt sie an der Königlichen Oper Stockholm die musikalische Leitung der Produktionen von Die Zauberflöte und Der Nussknacker.

Seit der Spielzeit 2015/2016 widmete sich Anna Skryleva insbesondere dem Konzertbereich. Sie gastierte u.a. bei der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz, beim Philharmonischen Orchester OFUNAM und dem Jugendorchester Eduardo Mata in Mexiko, der Norddeutsche Philharmonie Rostock, beim Bodenseefestival,  beim hr-Sinfonieorchester, dem Aarhus Sinfonieorchester und der Kopenhagener Philharmonikern in Dänemark sowie bei der Magdeburgischen Philharmonie.

Foto: Thomas Leidig

Wie kamst Du zum Beruf Dirigentin?
Dirigieren ist ein sonderbarer Beruf: es ist nie zu früh und nie zu spät damit anzufangen. Einige wissen schon seit klein auf, dass sie Dirigent/in werden möchten und beginnen ihr Studium schon mit 17-18 an einer Musikhochschule. Bei mir war es tatsächlich anders. Als kleines Kind war es zwar mein größter Wunsch, auf der Bühne zu stehen und Musik machen. Nur habe ich erstmal Klavier gespielt und komponiert. Dann wurde ich in meiner Heimatstadt Moskau als Solopianistin ausgebildet und bin 1999 nach Deutschland gekommen, um mich als Pianistin fortzubilden.
Das Leben entscheidet manchmal einfach für dich.
2002 habe ich eine Dirigentin kennengelernt, Alicja Mounk und wurde zu ihrer Assistentin an der Hochschule für Musik in Karlsruhe.
Alicja hat mich gefragt, ob ich nicht Dirigieren studieren möchte.
Ich fand dieses Angebot erstmal sehr spannend, ohne es ernst zu nehmen. Nun hat mich dieser Prozess, mit vielen Menschen Musik zu machen und vor allem an einem künstlerischen Ziel gemeinsam zu arbeiten, so fasziniert, dass es mir sehr schnell klar wurde – das ist meine Welt!
Da ich sehr gut Klavier spielen konnte, vor allem alles vom Blatt spielen konnte, war es für mich einfach einen Job als Repetitorin an verschiedenen Opernhäusern zu bekommen. Und so war ich schon im Beruf, konnte viel Repertoire lernen, mit anderen Dirigenten und vor allem Dirigentinnen arbeiten (Simone Young, Julia Jones, Karen Kamensek), viele Erfahrungen hinter der Bühne und später sogar im Orchestergraben sammeln. Parallel dazu habe ich Dirigierunterricht beim Professor Lutz Herbig in Düsseldorf genommen.
Jetzt, wo ich international mit verschiedenen Orchestern arbeite und meine erste Spielzeit als Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg vorbereite, verstehe ich, dass es für mich der richtige Weg war. Weil Dirigieren eine Symbiose aus deiner menschlichen und musikalischen Erfahrungen ist.

Foto: Nils Böhme

An welchen Moment in deiner Karriere erinnerst Du dich besonders gut?
Es gibt tatsächlich Momente, die dich dein ganzes Leben prägen. Einer davon ist, wie ich oben erzählt habe, meine Begegnung mit Alicja Mounk. Dieser Moment hat mein ganzes Leben verändert. Es gibt auch andere wichtige Momente: da ich zum Dirigieren durch „Zufall“ kam, war ich am Anfang selber skeptisch, ob Frauen diesen Beruf gut ausüben können. Damals gab es noch nicht so viele Dirigentinnen. Im Gegensatz zum heute, wo so viele hochbegabte junge Dirigentinnen international unterwegs sind! Ich war in einer Vorstellung von Wagners Fliegender Holländer an der Staatsoper Berlin, die Simone Young dirigiert hat.
Noch heute kann ich mich sehr gut an diese Vorstellung erinnern. Es war musikalisch in einem Atemzug. Dazu konnte ich ab und zu Simone Young über dem Orchestergraben sehen, wie sie das Orchester beherrschte und manchmal selber wie ein Sturm über die Musiker aufzog.
Von da an wusste ich, dass Frauen ganz tolle Dirigentinnen sein können und ich habe mir damals ganz fest gewünscht, diese Frau irgendwann kennenzulernen.
Einige Jahre später war ich Assistentin bei Simone Young an der Hamburgischen Staatsoper, bei solchen Produktionen wie Der Ring des Nibelungen, Arabella, Parsifal und vielen anderen.

Was macht Fempowerment für Dich heute aus?
Ehrlich gesagt, habe ich darüber nie nachgedacht. Dieser Begriff klingt für mich sogar etwas aufgesetzt und aggressiv. Vor allem, wenn er mit „Macht“ und „Herrschaft“ interpretiert wird.
Ich denke, viel wichtiger ist es, natürlich und gelassen zu bleiben. Voraussetzung dafür ist dein Handwerk zu beherrschen und genau wissen, was und wo dein Ziel ist und wie du dahin kommst.
Flexibilität ist auch ein wichtiger Begleiter auf dem Weg zum Ziel.
Heute haben Frauen viel mehr Möglichkeiten. Es ist aber noch nicht in allen Ländern selbstverständlich, dass Frauen genau so wie Männer behandelt werden. Es hängt leider meistens von dem sozialen Niveau einer Gesellschaft ab.

In welchen Momenten deines Jobs wärst Du lieber ein Mann?
Bis heute war ich nie mit dieser Frage konfrontiert. Und ich geniesse es jeden Moment und in jeder Situation eine Frau zu sein. Auch wenn ich vom Orchester stehe, versuche ich nie einen Mann zu spielen.

Foto: Nils Böhme

Wenn die Frauenquote etwas bewirkt dann… bitte beende diesen Satz!
Diesen Satz kann ich nicht beenden, weil ich mit dem Thema „Frauenquote“ gespaltene Gefühle habe. Einerseits ist es gut, dass man auf der politischen Ebene darüber denkt, den Frauenanteil zu erhöhen. Anderseits müssen wir Frauen noch mehr beweisen, dass wir uns die Positionen erst durch unsere Leistung und nicht durch eine Quote verdient haben.

Was können wir Frauen tun, damit sich die Wahrnehmung auf unser Geschlecht am Arbeitsmarkt ändert?
Vernetzung ist ein wichtiger Begriff. Wir Frauen müssen verstehen, dass wir uns gegenseitig unterstützen und austauschen müssen.

Du bist Mutter einer Tochter. Wie lief das mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in den vergangenen Jahren bei euch?
Mein Glück ist, dass ich einen richtigen Partner kennengelernt habe, der volles Verständnis für meinen Beruf hat.
Mein Mann ist selber Opernsänger und weiß, wie viel Zeit und Hingabe dieser Beruf fordert.
Als unsere Tochter klein war, mussten wir im Voraus immer gut organisieren, dass eine Kinderfrau sich um sie kümmert.
Es ist nie die richtige Zeit, Kinder zu haben, wenn man beruflich erfolgreich sein möchte. Nun muss man die Entscheidung treffen und durch Selbstdisziplin kann man alles hinbekommen.

Was würdest Du jungen Kolleginnen auf ihrem Karriereweg mitgeben?
Ganz wichtig ist es, sich selbst im Klaren zu sein, dass dies dein Weg ist. Denn es sind nicht nur „goldene Treppen mit Rosen“, die dich begleiten. Man muss auch für Rückschläge gerade stehen und daraus seinen Vorteil ziehen. Wach bleiben und viel analysieren, was bedeutet, aus den Fehlern der anderen zu lernen.
Immer wissen, dass wir mit Menschen arbeiten. Heute bist du der Boss und morgen kann dein Assistent dein Arbeitgeber werden!

Beschreibe Dich in drei Worten.
Das sollen meine Kollegen oder meine Familie tun…

Hast Du Lebensmotto, wenn ja, wie lautet es?
Deine Welt ist dein Spiegel. Das, was du ausstrahlst, wird in jedem Fall auf dich zurück kommen.

Foto: Nils Böhme

Was liest Du derzeit?
Bin jetzt mit Dostojewskis „Das Gut Stepantschikowo“ beschäftigt. Ich lese aber oft deutsche Literatur. Ich versuche immer, nach einem russischen Buch ein deutsches zu lesen und umgekehrt.

Wer mehr über Anna erfahren möchte, besucht ihre Homepage und findet sie auf Facebook.

Foto: Thomas Leidig

Fotos: Nils Böhme, Thomas Leidig