FemFriday mit Anika Baumann

Im heutigen FemFriday antwortet die Schauspielerin Anika Baumann auf meine Fragen.

Anika Baumann wurde 1979 in Frankfurt geboren. Sie studierte Schauspiel an der Universität der Künste in Berlin.
Von 2006 bis 2010 war sie als festes Ensemblemitglied am Maxim Gorki Theater in Berlin engagiert und spielte dort u. a. in Professor Unrat, Romeo und Julia und Glaube, Liebe, Hoffnung.
Danach arbeitete Anika freischaffend. Sie stand u.a. für Soko Leipzig, Der Staatsanwalt und Soko Wismar vor der Kamera und spielte im schweizer Spielfilm Plötzlich deutsch eine der Hauptrollen. Außerdem stand sie u. a. im Volkstheater München, dem Staatstheater Stuttgart, dem Theaterhaus Jena,  dem Schauspiel Leipzig und im Staatstheater Braunschweig auf der Bühne.

Seit der Spielzeit 2014/15 ist sie festes Ensemblemitglied am Staatstheater Mainz. Dort ist sie u.a. als Maria in Maria Stuart, als Kriemhild in Die Nibelungen oder als Elmire in Molières Tartuffe zu sehen.
Anika ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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Anika als Maria Stuart am Staastheater Mainz – Foto: Andreas Etter

Wie kamst du zum Beruf Schauspielerin?

Als Kind wollte ich eigentlich wahnsinnig gerne bei Aldi an der Kasse arbeiten. Die Kassiererinnen hatten von allen Produkten die Nummer im Kopf und konnten die in unglaublicher Geschwindigkeit in die Tasten hämmern. Das hab ich geliebt.
Trotzdem war schon ganz früh der Wunsch da Schauspielerin zu werden, auch wenn Theater in meiner Familie keine Rolle gespielt hat. In Frankfurt gab es damals am Schauspielhaus den Schülerclub von Alexander Brill. Da hab in den 90igern Black Rider gesehen und es hat Bam gemacht. Ich wollte unbedingt mitmachen und hab mich zum Casting angemeldet und es hat geklappt. Bei Alexander Brill hab ich dann zum ersten mal Theaterluft geschnuppert, viel gespielt, mich ausprobiert und vor allem den Sog vom Theater mitbekommen. Dann wars klar! Ich muss!

 

An welchen Moment deiner Karriere erinnerst Du dich besonders?

Es gibt viele Momente und Begegnungen, an die ich mich erinnere. Vor allem Pannen, wenn Kollegen nicht auftreten, Bühnenteile nicht fahren, es klemmt und so weiter. Augenblicke, die zum Teil nur wenige Sekunden dauern, aber auf der Bühne endlos erscheinen.
Es gibt viele Erinnerungen aus den Anfangszeiten, wahrscheinlich weil man da so viel aufsaugt und alles aufnimmt.
An die einzelnen „Etappensiege“ erinnere ich mich gut: Der Augenblick der Zusage für die Schauspielschule, den Anruf des Hausregisseurs des Maxim Gorki Theaters: Du hast die Stelle, die erste Arbeit als Freie usw…

Du bist Mutter von zwei Kinder, inwieweit hat die Mutterrolle deine Arbeit beeinflusst?

Zu dem Zeitpunkt als ich mit meinem ersten Kind schwanger wurde, habe ich noch sehr viel frei gearbeitet, in mehreren Städten und war viel unterwegs mit wachsendem Bauch. Als Oskar dann da war, hab ich noch ein paar Vorstellungen gespielt und dann wurde es es ruhig, weniger Anfragen, weil „ du bist ja jetzt Mutter“… Das war eine herbe Enttäuschung.

Ich merke aber, dass ich als Mutter anders arbeite, mir meine Zeit wertvoller ist. Wenn ich um 10 Uhr auf die Probe komme, dann hab ich schon seit 6.30 den Tag gewuppt, meinen Alltag bestritten, und könnte um 12 schon wieder Mittagessen gehen 😉
Ich will und muss jetzt mehr als früher alles in der Probe schaffen. Sicherlich bin ich ein Stück weit ungeduldiger geworden, wenn z. B die Regie keine Richtung hat, ich nicht weiss woran wir uns gerade abarbeiten. Das fordere ich jetzt schneller ein.

Text lernen ist der größte Feind geworden, weil man sich auf Spielplätzen in der Mittagspause einfach sehr schlecht konzentrieren kann. Es ändert sich logischerweise ganz viel, aber das ist auch gut. Es ist schön neben dm Theater noch das richtige Leben zu haben.

Ist Kind und Karriere am Theater machbar oder wieviel mehr Aufwand betreibst Du für Kinderbetreuung als andere?

Sicherlich ist Karriere machbar, aber es ist sehr viel anstrengender und mit viel mehr Aufwand verbunden. Wie in jedem anderen Job auch. Unsere Arbeitszeiten sind die größte Herausforderung. Die vielen Abende, die man vom Abendbrottisch aufstehen muss um ins Theater arbeiten zu gehen, das fällt mir schon oft schwer und geht auch nur, weil ich meinen Beruf doch sehr liebe…. aber manchmal auch verdamme;-)
Dafür hab ich nachmittags viel Zeit und kann die Morgen oftmals vertrödeln…
Es geht alles irgendwie und mit einem großen Stab an Babysittern kann ich die Abende gut abfedern…

Was wünscht Du dir für einen Beruf für deine Kinder?

Wenn ich meine Kinder frage, dann möchten sie gern Astronaut und Zirkusartistin werden. Zwei durchaus tolle Berufe, wie ich finde. Ich wünsche mir, dass sie etwas finden für das sie brennen, wo sie ihre Leidenschaft , Zeit und Energie investieren wollen und dafür etwas zurückbekommen. Ich wünsche ihnen, dass sie ganz frei und ohne gesellschaftlichen Druck entscheiden können. Und wenn mein Sohn eines Tages im Astronautenkostüm auf dem Wochenmarkt Äpfel verkauft und meine Tochter im Glitzeranzug Autos repariert und beide dabei glücklich sind, bin ich es auch.

In welchen Momenten deines Jobs wärst du gern lieber ein Mann?

Wenn in einem Stück ein Bauarbeiter zu besetzen ist und die Regisseure noch nicht so fortschrittlich sind um dabei an mich zu denken. Sonst verspüre ich den Wunsch nach Geschlechtertausch eigentlich nicht. Ich denke ich werde aber vorsichtshalber zur nächsten Gagenverhandlung einen Penis mit in die Tasche stecken…. Vielleicht hilfts.

Was würdest Du in Punkto Gleichberechtigung am Theater unbedingt ändern wollen?

Es herrscht im Theater immer noch eine offensichtliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen. Bei Spielplan Inhalten, den Rollen , der Chefetage usw…
Ich freu mich diebisch über jede Frau in der Technik, beim Licht oder Ton oder über männliches Azubis in der Schneiderei und Maske. Das Theater sollte unbedingt ein Ort sein, in dem alles möglich ist, keine Unterschiede gemacht werden. Auch in der Bezahlung. Leider sieht die Realität immer noch anders. Das alte Thema, der regieführenden Männer. Ob der alte weisse Mann oder der junge Regieabsolvent. Für Frauen ist es schwieriger an Jobs zu kommen. Man traut ihnen weniger zu. Für Kinder und Weihnachtsstücke dürfen sie dann mal. Ist ja ihr Thema. Das regt mich wahnsinnig auf und da ich fordere ich ein massiveres Umdenken.

Ich habe mit vielen sehr tollen Frauen am Theater zusammengearbeitet. Kreative, schlaue, laute und unangepasste und durchaus auch unangenehme Köpfe. Leider werden diese Querköpfe dann oft nicht nochmal eingeladen, weil sie als zu anstrengend empfunden werden. Bei Männern ist das Arschlochgehabe als Regisseur dann oft ein Kompliment oder Gütesiegel.

Was können wir Frauen tun um die Gleichberechtigung voranzutreiben?

Frauen sollten nicht aufhören laut zu werden, wenn es darum auf geht dieses Ungleichgewicht aufmerksam zu machen. Wir sollten uns zeigen, kraftvoll, selbstbewusst und selbstverständlich. Eine Gleichberechtigung ist absolut wichtig und in meinen Augen das natürlichste der Welt und darüber gilt es nicht zu diskutieren, sondern sie zu leben.

Beschreibe dich in drei Worten!

Offen, sprudelnd, chaotisch

Was liest Du derzeit?

Auf meinem Tisch liegt gerade Skandinavisches Viertel (Torsten Schulz), Sophia der Tod und ich (Thees Uhlmann) und Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete… eine ziemlich gute Mischung.
Auf dem Klo liegt noch die Bunte, das Securvita Krankenkassen Magazin und ein Bildband von Heintje. 

Was war deine Lieblingsrolle, die Du gespielt hast?

Es gibt Inszenierungen, an die ich wahnsinnig gerne zurückdenke, weil sie in einer besonderen Zeit entstanden sind oder besondere Begegnungen hervorgebracht haben . Dazu gehört definitiv das Prinzip Meese am Maxim Gorki Theater mit Antu Romero Nunes oder Walther, der verträumte Autoknacker zur Wendezeit in Leipzig in Als wir träumten von Clemens Meyer (Armin Petras).
Auch hier in Mainz zu Beginn meines Engagements „Frau John“ in den Ratten war eine intensive Arbeit, weil meine Tochter noch sehr klein war und das Stück so brutal und schonungslos (Regie von Jan Christoph Gockel ). Für mein schlimmes Rampensau- Gen war die Rösslwirtin unter der Regie von Koppelmann/ Jordan eine Wohltat.

 

Quelle: Staatsheater Mainz
Trailer: Staatstheater Mainz

Fotos: Andreas Etter

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