Genug ist nie genug

Meine aktuelle Kolumne beschäftigt sich mit der Frage wann genug ist und wann man stopp sagen sollte ohne Gefahr zu laufen das Mehr im Leben zu verpassen.

Jeder kennt diese Tante, die einem beim eingießen eines Getränks sagt: „Sag stopp!“ Unwillkürlich sagt man aber „danke“ oder wenn man etwas genervter von der Tante ist, nur „reicht“. Wir sagen nicht „stopp“ weil die Verlockung zu groß ist, dass die Tante das Glas überlaufen lässt weil wir nicht stopp sagen.
Manchmal geht es aber auch um das tiefsitzende Gefühl dass es da draußen noch mehr gibt. Mehr Wasser, mehr Liebe, mehr Kraft, mehr eben. Eine Badewanne voll mit mehr.

Ich gehöre zu den Menschen die immer von einem halbvollen Glas sprechen statt von einem halbleeren. Das ist meine Natur, ein Wesenszug, auf den ich stolz bin. Ich bin eher positiv und doch gibt es Situationen die auch mir genug sind. Veränderungen, Warten auf bessere Zeiten, Durchhalten und Geduld.

Auch wenn sich das nach Aufbegehren eines Kleinkinds anhört und ja damit kenne ich mich aus, sind es doch menschliche Empfindungen, die auch Erwachsenen von Zeit zu Zeit zustehen.
Meinen Töchtern zum Beispiel ist nie etwas genug. Sie haben nie genug Freizeit, nie genug Soße (am schlimmsten, wenn sie das Gefühl kriegen, die Schwester hätte mehr) nie genug kurze Hosen und vor allem nie genug Zeit zum Fernsehen.

Vor kurzem haben wir ungewollt ein Exempel an ihnen statuiert. Wir bestellten endlich ein großes Drei-Meter-Trampolin für unseren Garten und mussten auf diese Bestellung länger warten als gedacht. Sehr viel länger.

Warten und Hoffen

„Abwarten und Teetrinken“ sagte wieder eine Frau in meiner Familie. (Es geht wieder um Getränk.) Meine Oma, sie trank wirklich viel Tee und das jeden Tag. Jeden Nachmittag um 16:00 wurde ein Earl Grey aufgesetzt, ein paar staubtrockene Kekse auf einen Teller mit Goldrand gelegt und meine Großeltern saßen auf zwei scheußlich gepolsterten Sesseln mit dem Blick in ihren Garten. Ließ das Wetter es zu, saßen sie im Garten und blickten meist stumm vor sich hin. Selig zufrieden- mehr brauchten sie nicht.

Im Gegensatz zu uns, oder vor allem zu meinen Kindern, die das Warten auf den Postboten kaum aushielten. Und doch passierte etwas unerwartetes. Durch das Durchhalten, das Warten und die hart erkämpfte Geduld (denn aufbauen mussten wir es ja auch noch) war die Freude über das fertige Trampolin – nebenbei besteht der Garten jetzt nur noch aus Hüpffläche – noch größer.

Vielleicht ist es in diesem Fall auch eine Freude von längerer Dauer. Nicht alles immer sofort zu bekommen, sich auf etwas freuen zu können. einen Wunsch lange entwickeln, sich genauere Vorstellungen machen und zu diesen stehen können- all das ist wünschenswert, nicht nur für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren.

Es ist schon was dran an dem Spruch mit dem halbvollen Glas. Dass man wissen muss wann man besser aufhört. Manchmal möchten wir vielleicht nur ein bisschen probieren- ausprobieren wie es wäre wenn das Glas überläuft. Wenn noch mehr käme. Das Glas ist Bodenlos. Wir wollen dann nur eins: mehr.

 

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